JÁCHYMOV UND DIE RELIGION
Einleitung
Jáchymov entstand in einer Zeit tiefgreifender religiöser Umbrüche in Europa. Kurz nach der Gründung der Bergbausiedlung veröffentlichte Martin Luther im Jahr 1517 seine Thesen in Wittenberg. Aufgrund der engen Bindungen an Sachsen, aus dem ein erheblicher Teil der Bergleute stammte, sowie der sprachlichen Zusammensetzung der Bevölkerung war es nur eine Frage der Zeit, bis reformatorische Ideen auch hier Wurzeln schlugen. Neben Lutheranern wirkten hier auch Utraquisten und die Brüderunität, ebenso selbstverständlich die katholische Kirche. Die religiöse Entwicklung der Stadt war daher von Beginn an von Spannungen zwischen mehreren Strömungen geprägt.
Reformation und die Blütezeit des evangelischen Jáchymov
Die reformatorische Bewegung gewann in Jáchymov rasch an Einfluss. Die Dominikaner planten zwar den Bau eines Klosters am Standort des heutigen Radiumpalastes, doch mit der Hinwendung der Stadt zur Reformation wurden diese Pläne aufgegeben. Das vorbereitete Baumaterial wurde anderweitig verwendet, unter anderem beim Bau der Herrenmühle. Auch der radikale Prediger Thomas Müntzer besuchte die Stadt, fand jedoch nicht die erhoffte Unterstützung.
Während des Schmalkaldischen Krieges stellte sich die Stadt eindeutig auf die Seite der Protestanten. Nach der Niederlage des protestantischen Bündnisses wurden ihre Rechte eingeschränkt, doch von härteren Strafen wurde vor allem wegen der bedeutenden Einnahmen aus dem Bergbau abgesehen.
Bereits 1516 ist in Jáchymov eine Schule belegt, die sich unter dem Einfluss der Reformation zu einer Lateinschule entwickelte. Nach Luther hatten solche Schulen eine unverzichtbare Rolle in der Erziehung der Jugend sowie in der Pflege der Kirchenmusik. Eine bedeutende Persönlichkeit war Johannes Mathesius, Rektor der Schule und später Prediger, dessen diplomatisches Geschick bei Verhandlungen vor dem König zur Milderung von Repressionen nach der Niederlage der protestantischen Seite beitrug. Zugleich erreichte er für die Bewohner der Stadt ein gewisses Maß an religiöser Freiheit, was in jener Zeit keineswegs selbstverständlich war.
Eine weitere herausragende Persönlichkeit war Nikolaus Herman, Lehrer und Musiker, der von 1518 bis zu seinem Tod im Jahr 1561 in Jáchymov lebte. Er wurde vor allem als Komponist evangelischer Kirchenlieder bekannt, von denen einige im deutschen Raum bis heute gesungen werden. Seine Werke spielten eine entscheidende Rolle bei der Festigung der evangelischen Identität der Bevölkerung.
Rekatholisierung und Widerstand
Einen grundlegenden Wandel brachte der Niedergang des Bergbaus und anschließend der Dreißigjährige Krieg. Nach 1620 begann in den böhmischen Ländern die Rekatholisierung, doch im Elbogener Kreis und damit auch in Jáchymov wurde sie zunächst durch bewaffneten Widerstand der Bevölkerung sowie durch die Nähe zu Sachsen verzögert. Die Rekatholisierung erfolgte daher unter militärischer Begleitung.
Am 19. August 1623 wurde die St.-Joachim-Kirche geschlossen, die ursprünglich als protestantischer Bau errichtet worden war. Am 9. September 1624 wurde sie vom Dominikaner Georg Landherr im katholischen Ritus neu geweiht. Dennoch blieb die Mehrheit der Bevölkerung dem evangelischen Glauben treu. Die Lateinschule wurde geschlossen, evangelische Prediger vertrieben und Gottesdienste fanden oft heimlich in Privathäusern statt oder die Bewohner suchten Kirchen in Sachsen auf.
Im Jahr 1625 wurde die gewaltsame Rekatholisierung in Jáchymov per Dekret des Landesherrn vorübergehend untersagt, da der Bergbau wieder auflebte und man diesen wirtschaftlichen Aufschwung nicht gefährden wollte. Bereits ein Jahr später wurde jedoch eine verpflichtende, wenn auch formal nicht gewaltsame Rekatholisierung angeordnet. Wer sich nicht unterwerfen wollte, musste das Land verlassen. Sein Besitz fiel an die Stadt, die ein Viertel seines Wertes an den Landesherrn abzuführen hatte. Die Jesuiten versuchten trotz früherer Einschränkungen härter vorzugehen und wurden 1631 von aufständischen Bergleuten aus der Stadt vertrieben.
Franciscus Albanus und der Wendepunkt
Den Höhepunkt der Rekatholisierungsbemühungen bildete das Wirken des Jesuiten Franciscus Albanus. Er galt als einer der erfahrensten Rekatholisierer seiner Zeit. Bald erkannte er, dass militärischer Druck keine nachhaltigen Ergebnisse brachte. Während des Krieges hatten zahlreiche Armeen die Stadt durchzogen, und die Bevölkerung hatte sich an deren Präsenz gewöhnt. Auch eine kaiserliche Garnison brachte daher keinen entscheidenden Erfolg.
Die Resultate waren ernüchternd. Im Jahr 1636 lebten in Jáchymov laut Aufzeichnungen nur drei Katholiken, von denen einer als notorischer Trinker vermerkt ist. Albanus äußerte in seiner Korrespondenz Bewunderung für die Standhaftigkeit und die theologischen Kenntnisse der einfachen Menschen, die sie vor allem durch die Lieder von Nikolaus Herman erworben hatten. Um ihren Argumenten begegnen zu können, begann er evangelische Schriften und Bestände der Lateinbibliothek zu studieren. Das Ergebnis war jedoch ein anderes als erwartet – Albanus verließ die Stadt, ging nach Sachsen und konvertierte öffentlich zum evangelischen Glauben.
Massenemigration und das Ende des evangelischen Jáchymov
Der entscheidende Einschnitt erfolgte nach dem Westfälischen Frieden im Jahr 1648, der die Rekatholisierung in den böhmischen Ländern endgültig festigte. Im Jahr 1652 wanderten 854 Bergleute mit ihren Familien sowie weitere Einwohner nach Sachsen aus, wo Kurfürst Johann Georg für sie eine neue Stadt gründete – das heutige Johanngeorgenstadt. In dieser Emigrationswelle verließ etwa die Hälfte der Bevölkerung Jáchymov. Der Abzug erfolgte, nachdem die Jesuiten in Begleitung einer starken kaiserlichen Truppe in die Stadt zurückgekehrt waren.
Noch 1659 ist eine schriftliche Ermahnung des örtlichen Dekans überliefert, weil der Kantor in der Schule lutherische Lieder singen ließ. Jáchymov gehörte somit zu den letzten evangelischen Inseln in Böhmen.
Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts treten evangelische Gemeinden wieder deutlicher in Erscheinung. Im Jahr 1914 errichtete die hiesige Gemeinde des Augsburger Bekenntnisses die Erlöserkirche, die nach 1945 von der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder übernommen wurde.


