EREIGNISSE DER JAHRE 1938–1945
Einleitung
Auf den ersten Blick mag es scheinen, als habe Jáchymov während des Zweiten Weltkriegs abseits des Hauptgeschehens gelegen. Eine Front verlief tatsächlich nicht durch die Stadt. Dennoch war sie stark von politischen Entscheidungen, der wirtschaftlichen Nutzung der örtlichen Bergwerke und den dramatischen Ereignissen der letzten Kriegsmonate betroffen. Eine besondere Rolle spielte das Uran, dessen strategische Bedeutung beiden Kriegsparteien bewusst war.
Das Jahr 1938 und die Eingliederung in das Reich
Im Jahr 1938 lebten in der Stadt etwa 9.000 Einwohner deutscher und rund 300 Einwohner tschechischer Nationalität. Nach den Ereignissen des Münchner Abkommens übernahm das Deutsche Reich am 1. Oktober 1938 sämtliche Bergwerksbetriebe. Es folgte die Aussiedlung der nichtdeutschen Bevölkerung ins Landesinnere Böhmens. Ein Jahr später schloss die deutsche Verwaltung die Radiumfabrik, und die Einwohnerzahl sank auf 6.604.
Bereits 1939 kam es zum ersten Konflikt zwischen der Stadt und der Führung des Reiches. Heinrich Himmler beabsichtigte, auf dem Türkenberg (Stráž, Klobouk) ein Konzentrationslager zu errichten. Die Stadt lehnte dies entschieden ab, ebenso die Bergleute und Beschäftigten der Gruben, die auf das bereits bestehende Konzentrationslager im Schloss Ostrov verwiesen. Dieses Lager, am 29. März 1939 als Außenstelle des Konzentrationslagers Flossenbürg gegründet, hatte eine Kapazität von etwa 200 Personen und wurde im Herbst desselben Jahres wegen seiner geringen Größe wieder aufgelöst.
Uran, Kriegsgefangene und Förderung
Im Jahr 1941 wurde nach 101 Jahren die Herstellung von Uranfarben eingestellt. Das Gebäude der ehemaligen Renaissance-Silberhütte, das als Fabrik und Labor zur Radiumgewinnung diente, wurde abgerissen. Der deutschen Führung war die Bedeutung radioaktiver Stoffe, insbesondere des Urans, bewusst. Der Mechanismus der Kernspaltung war bekannt, und das Potenzial zur militärischen Nutzung wurde auf beiden Seiten des Konflikts intensiv erforscht.
Zur Steigerung der Uranförderung trafen die ersten Kriegsgefangenen in Jáchymov ein – 37 Franzosen und 25 Russen. Beim Schacht Werner (Rovnost) wurde ein Gefangenenlager eingerichtet, und die Gefangenen wurden in der Grube eingesetzt. Ein Jahr später folgten weitere 40 russische Gefangene. Das Uran aus Jáchymov gewann somit strategische Bedeutung über die Region hinaus.
Luftkriegsereignisse des Jahres 1944
Im Jahr 1944 wurde der Krieg auch für die Bewohner unmittelbar sichtbar. Am 17. August 1944 stürzte bei Jáchymov ein deutsches Jagdflugzeug Messerschmitt Bf 109 der Einheit 2./JG 110 ab, geflogen von Unteroffizier Erich Scheibel. Der Pilot kam dabei ums Leben.
Am 12. September 1944 um 10.48 Uhr stürzte in der Nähe der Stadt eine amerikanische B-17G „Flying Fortress“ (360th Bomb Squadron, 303rd Bomb Group, 8th USAAF) ab, die von Großbritannien aus an einem Luftangriff auf Most teilgenommen hatte. Das von Captain Arthur Reuben Mehlhoff geführte Flugzeug war über Most durch Flak schwer beschädigt worden und stürzte im Raum Jáchymov ab. Ein Besatzungsmitglied kam ums Leben. Die übrigen wurden vor Lynchjustiz durch Anton Hippmann aus Suchá bewahrt. Für diese Tat wurde er verhaftet und zu drei Monaten Haft im Konzentrationslager Dachau verurteilt. Nur einen Tag zuvor hatte im Raum Kovářská die größte Luftschlacht über dem Erzgebirge stattgefunden.
Überwachung der Förderung und Kriegsende
Die Alliierten waren sich der Bedeutung des Urans für das deutsche Atomforschungsprogramm bewusst und beobachteten die Intensität der Förderung in den Jáchymover Gruben genau. Anfang 1945 erfolgte die letzte Luftbildaufnahme des Gebietes. Ein alliierter Luftangriff auf die Bergwerke wurde erwogen, da man befürchtete, Deutschland könne kurz vor dem Besitz einer Atombombe stehen. Nach Auswertung der Aufnahmen wurde der geplante Angriff jedoch abgesagt.
Gegen Ende des Krieges zog ein Todesmarsch von Häftlingen durch die Stadt und ihre Umgebung. In den Jahren 1938–1945 wurden 745,334 Tonnen Uranerz gefördert, woraus 44 Tonnen Uran und 15,8132 Gramm Radium gewonnen wurden. Im Mai 1945 lebten in der Stadt etwa 14.000 Deutsche und nur 5 Tschechen.
Nachkriegsereignisse
Am 4. Juni 1945 wurde der Gründer der örtlichen SA und Besitzer einer Brennerei und eines Sägewerks, Steinfelsner, vor der St.-Joachim-Kirche auf Anordnung von Partisanen wegen Waffenverstecks gehängt.
Vom 26. bis 28. August 1945 hielten sich der sowjetische General Michajlow und Oberst Alexandrow mit Gefolge in der Stadt auf. Unter den Soldaten befanden sich vermutlich auch Fachleute, da besonderes Interesse an den Gruben Svornost, Werner und am Schacht der Sächsischen Adligen gezeigt wurde. Am 11. September 1945 um 15.30 Uhr wurden die Bergwerke durch die sowjetische Armee besetzt, als ein höherer Offizier mit sechzig Mann eintraf.
Am 25. Januar 1946 begann die Aussiedlung der deutschen Bevölkerung. Gleichzeitig wurde die Stadt neu besiedelt, unter anderem durch 64 Familien sogenannter Wiener Tschechen.
Schluss
Die Jahre 1938–1945 bedeuteten für Jáchymov eine grundlegende Zäsur. Die Stadt wurde Teil der nationalsozialistischen Kriegswirtschaft, und ihr Uran erlangte globale Bedeutung. Zwar hinterließ der Krieg hier keine Frontlinien, doch er hinterließ tiefe demographische, wirtschaftliche und moralische Spuren.


