DAS ZUSAMMENLEBEN VON TSCHECHEN UND DEUTSCHEN
Berichte über das Zusammenleben von Tschechen und Deutschen reichen bis in die frühesten Anfänge der Besiedlung der Region zurück. Obwohl das Kloster Tepl, das dieses Gebiet im 13. Jahrhundert kolonisierte (Siedlung Konradsgrün), vor allem Bayern und Sachsen entsandte, gibt es auch Hinweise auf die Anwesenheit von Tschechen. Überliefert sind beispielsweise Predigten in tschechischer Sprache. Danach verschwindet die nationale Unterscheidung in den Quellen weitgehend und tritt erst im 19. Jahrhundert wieder deutlicher hervor.
Mit dem Aufkommen des Nationalismus kommt es auch zu einer stärkeren Trennung nach Herkunft. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts existieren Berichte über den Zuzug von Tschechen in die Stadt, doch ihre genaue Zahl lässt sich nicht bestimmen. Einer der Hauptgründe liegt darin, dass es sich überwiegend um sozial schwächere Schichten handelte. Viele konnten weder lesen noch schreiben, und Volkszählungsformulare wurden häufig von Vorgesetzten ausgefüllt, die sie pauschal als Deutsche eintrugen. Hinzu kam die Angst vor Arbeitsplatzverlust bei offenem Bekenntnis zur tschechischen Nationalität. Die Verordnung von 1880 zur Gleichstellung der deutschen und tschechischen Sprache wurde hier zudem nicht konsequent umgesetzt.
Zu einer strikten nationalen Trennung kommt es erst nach der Gründung der Tschechoslowakischen Republik. Damals lebten im Bezirk Jáchymov 18.408 Deutsche und lediglich 9 Tschechen. Teile der deutschen Bevölkerung strebten die Abtrennung von Böhmen und den Anschluss an Deutschland, konkret an Sachsen, an. Am 30. Dezember 1918 besetzte daher die tschechoslowakische Armee die Stadt und die Bergwerke. Es handelte sich um eine etwa hundert Mann starke Einheit unter dem Kommando von Hauptmann Müller. Gefordert wurden die Auflösung der Bürgerwehr und uneingeschränkte Loyalität gegenüber der Tschechoslowakei. Die Beruhigung der Lage blieb jedoch nur scheinbar. Besonders schwer wog für die deutsche Bevölkerung die Reduzierung deutscher Beamter wegen mangelnder Tschechischkenntnisse sowie die geringere Unterstützung des deutschen Schulwesens im Vergleich zum tschechischen.
1919 ließen sich mehrere Legionärsfamilien in der Stadt nieder, um das tschechische Element zu stärken. Dieser Prozess verlief jedoch langsam. 1920 lebten hier 279 Tschechen und 16.749 Deutsche. Die Stadtverwaltung und die meisten Industrieunternehmen blieben somit überwiegend in deutscher Hand. Einzelne tschechische Vertreter hatten es schwer. Überliefert ist etwa die Aussage aus einem Gasthaus im Jahr 1919 gegenüber dem tschechischen Direktor der Tabakfabrik G. Cinner: „Für einen Tschechen kochen wir nicht.“ Auch die Schwierigkeiten bei der Gründung einer tschechischen öffentlichen Bibliothek zeugen von den Spannungen. Trotz eines entsprechenden Gesetzes wurden Hindernisse errichtet, bis der Staat 1927 eingriff und die deutsche öffentliche Lesehalle für die tschechische Bibliothek beschlagnahmte.
Die wirtschaftliche Krise der 1920er Jahre und der Aufstieg des Nationalsozialismus in den 1930er Jahren erschwerten jede Annäherung. 1934 verbot das Bezirksamt Jáchymov die Tätigkeit der Deutschen Nationalsozialistischen Arbeiterpartei und der Deutschen Nationalpartei. Ihre Mitglieder wurden aus den Vertretungen ausgeschlossen und durch Vertreter sogenannter aktivistischer deutscher Parteien ersetzt, die mit der Tschechoslowakei kooperierten.
Dennoch unterstützte bereits 1934 etwa ein Drittel der Bevölkerung offen die Sudetendeutsche Partei (SdP), ein weiteres Drittel heimlich. 1938 lebten in der Stadt 9.000 Deutsche und 300 Tschechen. Nach Hitlers Rede in Nürnberg am 12. September 1938 kam es auch in Jáchymov zu Unruhen, die in Überfällen auf Behörden, Postämter und Gendarmeriestationen gipfelten.
Erstaunlicherweise fehlen aus dieser Zeit nahezu Hinweise auf die jüdische Bevölkerung. Ein Nachkriegschronist stellte lediglich fest, dass Nachrichten über ihr Schicksal fehlen. Zeitgenössische Presse berichtet über die Zerstörung eines Gebetsraumes in der Villa Richter sowie über die Arisierung jüdischen Eigentums.
Paradoxerweise stieg während des Zweiten Weltkriegs die Zahl der Tschechen in der Stadt. Die deutsche Bevölkerung wurde zu Reichsbürgern und unterlag der Wehrpflicht. Die deutsche Verwaltung siedelte daher tschechische Familien als Ersatz für fehlende Arbeitskräfte an.
Nach Kriegsende marschierte keine der alliierten Armeen in die Stadt ein, obwohl Jáchymov im westlichen Teil der Demarkationslinie lag. Aus der tschechischen Bevölkerung bildete sich ein Revolutionsausschuss unter Führung von František Kroupa. Der Bezirksausschuss wurde von Stanislav Pýcha geleitet. Die Gremien wurden in Karlsbad geschult und hielten Ordnung. Am 4. Juni wurde jedoch auf Befehl von Partisanen der Besitzer einer Brennerei und Säge, Steinsfelsner, ohne Gerichtsverfahren gehängt. Ihm wurde die Gründung einer SA-Einheit und das Verstecken von Waffen vorgeworfen. Auf seiner Brust trug er ein Schild mit der Aufschrift: „So wird die Nichtbefolgung der Verordnungen bestraft.“
Vom 26. bis 28. August besuchten der sowjetische General Michajlow und Oberst Alexandrow die Stadt. Am 11. September besetzten 60 Soldaten der Roten Armee Jáchymov. Im Hotel Elektra wurde eine tschechische Garnison einquartiert.
Im Rahmen der Nachkriegsentwicklung kam es auch hier zur Vertreibung der deutschen Bevölkerung. Jáchymov gehörte zur westböhmischen Zone V02. Bereits am 5. Juni 1945 wurde die Abgabe von Radiogeräten angeordnet, und Gerüchte über die Vertreibung verbreiteten sich. Es kam zu Selbstmorden und tiefer Verzweiflung. Im Juli wurde die Kennzeichnungspflicht eingeführt. Deutsche mussten weiße Armbinden tragen und weiße Fahnen hissen. Tschechen trugen Abzeichen in Nationalfarben. Ab 20 Uhr galt für Deutsche Ausgangssperre. Das Sammellager befand sich in der Tabakfabrik. Bis Ende 1945 wurden knapp 5.000 Personen aus dem Bezirk vertrieben. 1946 folgten weitere Transporte. Vom Abtransport ausgenommen waren Familien unentbehrlicher Fachkräfte, insbesondere im Uranbergbau.
Im März 1947 lebten in der Stadt 7.393 Einwohner – 5.778 Tschechen und Slowaken sowie 1.172 Deutsche. Mit der schrittweisen Assimilation endete das lange Zusammenleben – und oftmals auch die Konkurrenz – zweier Nationen in der Stadt.


