GREGOR LINDNER (1831–1917)
Einleitung
Gregor Lindner gehört zu den bedeutendsten Persönlichkeiten der neueren Geschichte von Sankt Joachimsthal. Den größten Teil seines Lebens wirkte er in dieser erzgebirgischen Stadt als geistlicher Verwalter, öffentlicher Funktionsträger und zugleich als außerordentlich sorgfältiger Historiker. Dank seiner umfangreichen Forschungsarbeit kennen wir heute die Geschichte der Stadt in ungewöhnlicher Breite und Tiefe.
Herkunft und Studium
Er wurde am 29. September 1831 in Eger in eine Handwerkerfamilie geboren; sein Vater war Schneidermeister. Die Grundbildung sowie das Gymnasium absolvierte er in seiner Heimatstadt. Nach dem Abitur ging er nach Prag, wo er Theologie studierte und sich auf die geistliche Laufbahn vorbereitete.
Priesterliche Tätigkeit in Sankt Joachimsthal
Im Jahr 1854 wurde er zum Priester geweiht und trat kurz darauf seine Stelle als Kaplan in Sankt Joachimsthal an. Damit begann seine lebenslange Verbindung mit der Stadt. Im Jahr 1865 wirkte er als Katechet an der örtlichen Schule und bereits 1866 wurde er zum Stadtdekan ernannt, ein Amt, das er über viele Jahrzehnte hinweg ausübte.
Im Laufe der Zeit übernahm er weitere kirchliche Funktionen. Er wurde Erzpriester, ab 1882 war er Bezirksschriftführer, im Jahr 1885 wurde er zum Verwalter des Vikariats bestellt und 1886 zum Bezirksvikar ernannt. Für seine Verdienste wurde er mit dem päpstlichen Titel eines päpstlichen Geheimkämmerers ausgezeichnet, der ihm die Anrede Monsignore einbrachte.
Öffentliche Tätigkeit
Gregor Lindner engagierte sich auch stark im öffentlichen Leben der Stadt. Über einen außergewöhnlich langen Zeitraum von etwa fünfzig Jahren war er Mitglied des Stadtrates beziehungsweise der Gemeindevertretung, was in der Geschichte der Stadt einzigartig ist.
Er beteiligte sich auch aktiv an außergewöhnlichen Ereignissen. Nach dem großen Stadtbrand von 1873 organisierte er Sammlungen für den Wiederaufbau der Stadt sowie der Dekanatskirche und beteiligte sich an der Koordination der Hilfe für die betroffene Bevölkerung.
Chronist und Historiker
Die größte Bedeutung Gregor Lindners liegt in seiner systematischen historischen Arbeit. Über Jahrzehnte hinweg sammelte er Archivmaterialien, städtische Urkunden, Zunftdokumente, Gerichtsakten sowie mündliche Überlieferungen. Das Ergebnis dieser Tätigkeit ist ein außerordentlich umfangreiches und bis heute unersetzliches Werk.
Den Höhepunkt seiner Arbeit bildet die vierbändige handschriftliche Chronik der Stadt mit dem Titel Erinnerungen aus der Geschichte der k. k. freien Bergstadt Sankt Joachimsthal, die um 1913 entstand. Sie umfasst etwa 3 000 bis 3 400 Seiten und ist in mehrere chronologische Teile gegliedert. Der erste Band behandelt die Jahre 1516 bis 1600, der zweite 1601 bis 1700, der dritte 1701 bis 1800 und der vierte enthält Ergänzungen, Beilagen und Anmerkungen.
Diese Chronik wird heute im Bestand des Staatlichen Kreisarchivs Karlsbad im Fonds Archiv der Stadt Sankt Joachimsthal aufbewahrt und stellt eine grundlegende Quelle für das Studium der Stadtgeschichte dar.
Publikationstätigkeit
Neben seiner Hauptchronik veröffentlichte Lindner eine Reihe weiterer historischer Texte. Im Jahr 1903 gab er die Arbeit Kurze Nachrichten aus der Geschichte von Sankt Joachimsthal von 1515 bis auf die Gegenwart aus dem Gedenkbuch des Dekanates heraus. Außerdem publizierte er Beiträge in der Zeitschrift Erzgebirgs-Zeitung, und zwar im Verlauf von insgesamt vierundzwanzig Jahrgängen.
Er beschäftigte sich auch mit der Geschichte lokaler Vereine, des Schützenkorps, der Zünfte und der bürgerlichen Organisationen. Er verfasste beispielsweise eine Denkschrift des Joachimsthaler Schützenvereins, widmete sich der Übersetzung ursprünglicher Zunftordnungen, etwa der Schuhmacherordnung aus dem Jahr 1546, und veröffentlichte auch historische Hochzeitsordnungen aus dem Jahr 1538. Darüber hinaus schrieb er zahlreiche Essays über die Vergangenheit der Stadt.
Auszeichnungen
Für seine geistliche und öffentliche Tätigkeit erhielt Gregor Lindner zahlreiche Auszeichnungen. Er wurde mit dem Ritterkreuz des Franz-Joseph-Ordens ausgezeichnet und erhielt den Titel eines päpstlichen Geheimkämmerers. Die Stadt Sankt Joachimsthal verlieh ihm die Ehrenbürgerwürde, und er wurde außerdem Ehrenmitglied mehrerer örtlicher Vereine.
Tod und Andenken
Gregor Lindner starb am 9. April 1917 in Sankt Joachimsthal, wo er auch auf dem städtischen Friedhof beigesetzt wurde. Sein Grabstein ist bis heute erhalten und erinnert an diese bedeutende Persönlichkeit der Stadtgeschichte. Sein Tod wurde in zeitgenössischen Nekrologen und Fachtexten gewürdigt, unter anderem in der Zeitschrift Mitteilungen des Vereines für Geschichte der Deutschen in Böhmen.
Bedeutung
Gregor Lindner bleibt eine Schlüsselfigur der Joachimsthaler Historiographie. Ohne seine systematische und außerordentlich sorgfältige Arbeit wäre ein erheblicher Teil der Stadtgeschichte – von den Anfängen des Bergbaus bis hin zur gesellschaftlichen Entwicklung der Neuzeit – zersplittert oder verloren geblieben. Sein Werk dient bis heute Historikern, Archivaren und regionalen Forschern als grundlegende und unersetzliche Quelle.


