ENDLAGER RICHARD BEI LEITMERITZ (LITOMĚŘICE)
Geschichte des Ortes
Unter dem Hügel Bídnice am Rand von Litoměřice entstand bereits im 19. Jahrhundert ein umfangreiches System unterirdischer Gänge, in denen hochwertiger Kalkstein abgebaut wurde. Im Laufe der Zeit entwickelte sich hier ein kompliziertes Labyrinth aus Stollen, Kammern und Verbindungsgängen. Die größte Erweiterung des Untergrundes erfolgte jedoch erst während des Zweiten Weltkriegs.
Das nationalsozialistische Deutschland suchte gegen Ende des Krieges nach sicheren Orten, um Teile der Industrieproduktion vor den alliierten Bombenangriffen in den Untergrund zu verlagern. Auch Richard wurde für die Kriegsproduktion umgebaut, und im Untergrund arbeiteten Hunderte von Zwangsarbeitern. Einige Stollen wurden erweitert, verstärkt und technisch angepasst, um Produktionsräume zu schaffen.
Nach dem Krieg wurde der Kalksteinabbau noch eine Zeit lang fortgesetzt, doch die Bedeutung des Tiefbaus nahm allmählich ab. In der zweiten Hälfte der 1950er Jahre begann die Tschechoslowakei, die sichere Lagerung radioaktiver Abfälle aus Medizin, Industrie und Forschung zu lösen. Gerade die weitläufigen unterirdischen Räume von Richard erwiesen sich als geeignete Lösung.
Im Jahr 1964 wurde hier offiziell das erste tschechoslowakische Endlager für radioaktive Abfälle eröffnet.
Eine unterirdische Stadt unter Litoměřice
Der Komplex Richard erinnert eher an eine unterirdische Stadt als an ein gewöhnliches Bergwerk. Die Gänge erstrecken sich über mehrere Kilometer und bilden an manchen Stellen große Kammern von mehreren Metern Höhe. Der Untergrund weist eine konstante Temperatur und eine hohe Luftfeuchtigkeit auf, wie sie für alte Bergwerksanlagen typisch sind.
Das Endlager befindet sich etwa fünfzig Meter unter der Erdoberfläche und nutzt die ehemaligen Abbauräume des Kalksteinbergwerks Richard II. Im Laufe der Jahrzehnte wurden einzelne Bereiche umgebaut, mit Beton gesichert und mit modernen Sicherheitssystemen ausgestattet.
Dennoch hat sich der Untergrund bis heute die besondere Atmosphäre eines alten Bergwerks bewahrt. An einigen Stellen sind noch originale Abbauspuren, alte Ausbauten oder Überreste der kriegsbedingten Umbauten sichtbar.
Was wird hier eingelagert?
Richard ist nicht für abgebrannte Brennelemente aus Kernkraftwerken bestimmt. In den Untergrund gelangen vor allem schwach- und mittelradioaktive Abfälle aus Krankenhäusern, Laboratorien, Forschungseinrichtungen oder Industriebetrieben.
Dabei handelt es sich beispielsweise um Schutzausrüstung, Labormaterialien, Filter, Metallteile, medizinisches Material oder andere mit Radionukliden kontaminierte Gegenstände. Vor der Einlagerung werden die Abfälle sortiert, gepresst und in speziellen Fässern oder Containern verschlossen.
Jede eingelagerte Einheit wird exakt dokumentiert. Im Untergrund entsteht somit keine chaotische Deponie, sondern ein streng kontrolliertes System zur Lagerung radioaktiver Materialien.
Sicherheit und Betrieb
Der Betrieb des Endlagers wird heute von der Verwaltung der Endlager für radioaktive Abfälle gewährleistet, einer staatlichen Organisation, die 1997 gegründet wurde. Im Untergrund erfolgen eine kontinuierliche Überwachung der Strahlung, des Grundwassers sowie der Stabilität des Gesteins.
Regelmäßig werden auch die Container selbst sowie der technische Zustand der einzelnen Kammern kontrolliert. Ein Teil der älteren Lagerbereiche wurde in den vergangenen Jahren mit speziellen Betonfüllungen verstärkt.
Interessant ist zudem, dass sich über dem Endlager das Landschaftsschutzgebiet Böhmisches Mittelgebirge befindet. Auch dies gehört zu den Gründen, weshalb die Sicherheit hier langfristig besonders sorgfältig überwacht wird.
Richard heute
Das Endlager Richard gehört auch nach mehr als sechzig Jahren weiterhin zu den wichtigsten Einrichtungen seiner Art in der Tschechischen Republik. Obwohl die meisten Menschen kaum von seiner Existenz wissen, wird hier ein erheblicher Teil der radioaktiven Abfälle gelagert, die außerhalb von Kernkraftwerken entstehen.
Ein Ort, der einst dem Kalksteinabbau und später der nationalsozialistischen Kriegsproduktion diente, hat sich so zu einem wichtigen Bestandteil des tschechischen Atomprogramms entwickelt.
Fotogalerie
Fotos der unterirdischen Räume und der technischen Einrichtungen finden sich auf den Seiten der Verwaltung der Endlager für radioaktive Abfälle.


