WENZEL PAYER – DER ARZT, DER ERSTMALS KRANKHEIT MIT DEM BERUF IN VERBINDUNG BRACHTE
Einleitung
Jáchymov in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts war ein Symbol für schnelles Wachstum und außergewöhnlichen Reichtum. Das Silber aus den Erzgebirgsgruben brachte der Stadt und ihren Besitzern Ruhm, und die Jáchymover Taler verbreiteten sich weit über die Grenzen der böhmischen Länder hinaus.
Hinter diesem Erfolg stand jedoch die tägliche Arbeit Tausender Bergleute.
Sie stiegen tief unter die Erde hinab, in eine Umgebung, die zu den schwierigsten Arbeitsplätzen ihrer Zeit gehörte. Die Gefahren bestanden nicht nur aus plötzlichen Verletzungen, Einstürzen oder Unfällen. Weitaus unauffälliger waren gesundheitliche Probleme, die durch die langfristige Einwirkung der Bergwerksumgebung entstanden.
Gerade in Jáchymov begann sich eine Idee zu entwickeln, die heute ein selbstverständlicher Bestandteil der Medizin ist – dass die Arbeit, die ein Mensch ausübt, seine Gesundheit beeinflussen kann.
Geschichte
Wenzel Payer aus Elbogen, lateinisch Wenceslaus Payer de Cubito, gehörte zu den bedeutenden Gelehrten der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Er studierte an den Universitäten Leipzig und Bologna und beschäftigte sich mit Medizin, Naturwissenschaften sowie Fragen der menschlichen Gesundheit.
Sein Wirken ist auch mit der Familie Schlik und dem sich rasant entwickelnden Jáchymov verbunden, das damals eines der bedeutendsten Bergbauzentren Europas war.
Gerade diese Umgebung bot eine außergewöhnliche Möglichkeit, den Zusammenhang zwischen menschlicher Arbeit und Krankheiten zu beobachten. Die Bergleute arbeiteten unter schwierigen Bedingungen tief unter der Erde und litten unter Beschwerden, die bei anderen Berufen nicht in einem solchen Ausmaß auftraten.
Payer begann zu erkennen, dass diese Probleme nicht zufällig waren. Sie standen im Zusammenhang mit der Umgebung, in der die Menschen arbeiteten.
Seine Erkenntnisse fasste er 1523 in der Schrift Fruchtbare Ertzney mit irem rechten Gebrauch vor den gemeinen Mann, so auf dem hochberumbtem Bergwerck s. Joachimsthal zusammen.
Das Werk, das für die Bewohner des berühmten Jáchymover Bergbaureviers bestimmt war, befasste sich mit den gesundheitlichen Beschwerden der Bergleute und den Möglichkeiten ihrer Behandlung. Es gehört zu den ältesten bekannten Facharbeiten, die den Gesundheitszustand des Menschen mit seinem Arbeitsumfeld in Verbindung brachten.
Die Bedeutung von Payers Ansatz lag nicht nur in der Beschreibung der Krankheiten selbst. Viel wichtiger war die Veränderung der Sichtweise.
Ein Arzt sollte nicht nur fragen, was einem Menschen fehlt, sondern auch, wo er lebt und welche Arbeit er verrichtet.
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts war dies eine außerordentlich fortschrittliche Idee.
Vermächtnis
In den folgenden Jahrhunderten entwickelte sich das Wissen über arbeitsbedingte Krankheiten weiter. Zur bekanntesten Persönlichkeit dieses Fachgebiets wurde der italienische Arzt Bernardino Ramazzini, der häufig als Vater der Arbeitsmedizin bezeichnet wird.
Die Grundidee dieses Fachgebiets – dass Arbeit spezifische Gesundheitsrisiken schaffen kann – entstand jedoch bereits deutlich früher. Einer der Orte, an denen sie beschrieben wurde, war gerade Jáchymov.
Dieselbe Stadt, die der Welt den Taler gab, an der Entwicklung der bergmännischen Ausbildung beteiligt war und später eine Rolle bei der Erforschung der Radioaktivität spielte, hinterließ somit auch Spuren in der Geschichte der Medizin.
Die Jáchymover Bergwerke zeigten den Menschen nicht nur den Reichtum, der in der Erde verborgen lag. Sie zeigten auch den Preis, den jene zahlten, die jeden Tag in sie hinabstiegen.
Und genau hier entstand einer der ersten Gedanken der modernen Arbeitsmedizin – dass hinter jeder Arbeit ein Mensch steht, dessen Gesundheit geschützt werden muss.


