EINE STRECKE VOLLER ÜBERRASCHUNGEN
Einleitung
Manche Eisenbahnen wurden durch ihre Länge, monumentale Brücken oder Tunnel tief unter den Bergen berühmt. Die Jáchymover Bahn war anders. Auf den ersten Blick handelte es sich nur um eine kurze Lokalbahn, die Ostrov mit der in den Erzgebirgsbergen verborgenen Stadt verband.
Doch gerade diese kurze Eisenbahn zeigt, dass die Bedeutung eines technischen Bauwerks nicht nur durch seine Größe bestimmt wird.
Auf wenigen Kilometern verbanden sich hier eine anspruchsvolle Gebirgslandschaft, eine mutige technische Lösung und gleich mehrere Besonderheiten. Die Strecke, die vor allem den Einwohnern, dem Bergbau und später dem Kurwesen praktisch dienen sollte, wurde selbst zu einem technischen Denkmal.
Geschichte
Die Eisenbahnstrecke von Ostrov nach Jáchymov wurde im Jahr 1896 eröffnet. Ihr Ziel war es, die bedeutende Erzgebirgsstadt an das Eisenbahnnetz anzuschließen und den Transport von Menschen und Material zu erleichtern.
Die Erbauer standen jedoch vor einer schwierigen Aufgabe. Auf sehr kurzer Entfernung mussten sie einen erheblichen Höhenunterschied zwischen dem Tal bei Ostrov und Jáchymov überwinden. Eine Gebirgsbahn ohne Zahnradantrieb zu bauen bedeutete, eine technische Lösung zu finden, die für ihre Zeit außergewöhnlich war.
Das Ergebnis war eine der steilsten Adhäsionsbahnen auf unserem Gebiet. Die Züge bewältigten die Steigung ausschließlich nach dem normalen Eisenbahnprinzip – durch die Haftung des Stahlrades auf der Schiene. Die kurze Lokalbahn gehörte dadurch zu den technisch interessantesten Strecken ihrer Zeit.
Eine noch größere Besonderheit wurde ihr Tunnel.
Die meisten Eisenbahntunnel erlangen Bewunderung durch ihre Länge. Erbauer rühmen sich mit Hunderten von Metern oder Kilometern, die durch Berge getrieben wurden. Der Jáchymover Tunnel wurde aus genau dem gegenteiligen Grund bekannt.
Mit seiner Länge von nur 18,3 Metern war er der kürzeste Eisenbahntunnel der Tschechischen Republik.
Er entstand nicht, um ein mächtiges Bergmassiv zu überwinden. Seine Aufgabe war lediglich, die Strecke durch ein kurzes Felshindernis zu führen. Gerade dadurch wurde aus einem unscheinbaren Bauelement eine der größten Besonderheiten der gesamten Bahn.
Während ihres Bestehens durchlief die Jáchymover Eisenbahn mehrere völlig unterschiedliche Epochen. Sie beförderte die Einwohner der Stadt, Besucher des ersten Radonheilbades der Welt und diente auch der mit dem Bergbau verbundenen Industrie.
Sie war Zeugin der Silberzeit, der Entwicklung des Kurwesens und auch des Uran-Kapitels Jáchymovs. Auf derselben Strecke, auf der Kurgäste auf der Suche nach Heilung ankamen, fuhren später Züge, die mit einer der schwersten Etappen der Stadtgeschichte verbunden waren.
Schließlich entschieden jedoch die Entwicklung des Straßenverkehrs und veränderte Bedürfnisse über ihr Ende. Die Gleise verschwanden, und die Züge fuhren nicht mehr nach Jáchymov.
Vermächtnis
Die Geschichte der Jáchymover Eisenbahn endete jedoch nicht mit dem Entfernen der Gleise. Im Gegensatz zu vielen verschwundenen Strecken verschwand ihre Spur nicht aus der Landschaft.
Der ursprüngliche Bahnkörper erhielt ein neues Leben als Radweg, der heute auf der Trasse der ehemaligen Bahn verläuft. Orte, an denen einst Lokomotiven fuhren, werden heute von Radfahrern und Fußgängern genutzt.
Der erhaltene Tunnel ist das beste Symbol dieser Veränderung. Der kürzeste Eisenbahntunnel der Tschechischen Republik ist heute kein Eisenbahntunnel mehr. Statt Zügen fahren Fahrräder hindurch, und statt des Geräusches von Lokomotiven hört man dort die Schritte der Besucher.
Die Jáchymover Bahn zeigt damit, dass Einzigartigkeit nicht immer mit Größe verbunden sein muss. Manchmal können auch wenige Kilometer Gleise und ein achtzehn Meter langer Tunnel eine Geschichte erzählen, die viel länger überdauert als die Eisenbahn selbst.


