DIE ERSTE BERGBAUSCHULE DER WELT
Einleitung
Heute hat Jáchymov weniger als dreitausend Einwohner, dennoch gehört es zu den Orten, die wiederholt Einfluss auf die Weltgeschichte genommen haben. Zu seinen bedeutendsten, aber weniger bekannten Pionierleistungen gehört die Entstehung einer organisierten fachlichen Bergbauausbildung.
Seit seiner Gründung war Jáchymov mit den modernsten Erkenntnissen seiner Zeit verbunden. Die reichen Silbervorkommen brachten im 16. Jahrhundert Tausende Bergleute, Fachleute und Gelehrte hierher. Die hiesigen Gruben waren nicht nur Orte harter Arbeit, sondern auch ein Umfeld, in dem neue Technologien, Bergwerksanlagen und Verfahren entstanden und erprobt wurden.
Gerade diese Tradition schuf die Voraussetzungen für die Entstehung einer Schule, die im 18. Jahrhundert die Ausbildung von Bergbaufachleuten veränderte. Zu einer Zeit, als bergmännisches Wissen vor allem durch persönliche Erfahrung weitergegeben wurde, entstand in Jáchymov eine Institution mit festen Regeln, Lehrplänen, Fachlehrern und staatlicher Unterstützung.
Geschichte
Die Anfänge einer fachlichen Betrachtung des Bergbaus in Jáchymov reichen weit vor die Gründung der eigentlichen Schule zurück. Bereits in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts wirkte hier der Arzt und Gelehrte Georgius Agricola, der während seiner Arbeit die hiesigen Gruben, Abbaumethoden, Erzaufbereitung und das Leben der Bergleute kennenlernte. Die im Erzgebirge gewonnenen Erfahrungen wurden später zu einer der Grundlagen seiner wissenschaftlichen Werke, insbesondere der berühmten Schrift De re metallica, die als einer der Grundsteine des modernen Berg- und Hüttenwesens gilt.
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts befand sich der Bergbau in den böhmischen Ländern jedoch in einer schwierigen Phase. Die Förderung ging allmählich zurück, und eines der Hauptprobleme war der Mangel an fachlich ausgebildeten Berg- und Hüttenleuten. Der Berginspektor Johann Franz Lauer wies darauf hin, dass die traditionelle Weitergabe von Erfahrungen nicht mehr ausreichte.
Über Generationen erhielten neue Bergleute ihr Wissen vor allem von älteren Meistern. Väter unterrichteten ihre Söhne, jüngere Arbeiter beobachteten erfahrenere Kollegen, und viele Erkenntnisse entstanden direkt bei der Arbeit unter Tage. Dieses System brachte zwar viele fähige Praktiker hervor, doch die Entwicklung tieferer Gruben, komplizierterer Technik und genauerer Vermessungsmethoden erforderte eine neue Form der Ausbildung.
Am 13. Oktober 1716 erließ Kaiser Karl VI. eine umfangreiche Instruktion, mit der er die Errichtung einer Bergbauschule in Jáchymov anordnete. Ihre Aufgabe war die Ausbildung von Berg- und Hüttenfachleuten sowie Markscheidern. Aufgrund ihrer staatlichen Organisation, des klar festgelegten Unterrichtssystems und der fachlichen Ausrichtung gilt diese Schule als die erste staatlich organisierte Fachschule für Bergbau der Welt.
Die Wahl Jáchymovs war kein Zufall. Die Stadt gehörte zu den bedeutendsten Bergbauzentren der Habsburgermonarchie, und die hiesigen Gruben boten ideale Bedingungen für die Verbindung von Theorie und Praxis. Jáchymov war ein Ort, an dem neue Technologien nicht nur gelehrt, sondern tatsächlich angewendet wurden.
Die kaiserliche Instruktion legte einen staatlichen Beitrag für den Betrieb der Schule in Höhe von 600 Gulden jährlich fest. Das Studium dauerte drei Jahre, und die Zahl der geförderten Studenten wurde auf vier festgelegt. Es handelte sich also nicht um eine große Schule im heutigen Sinne, sondern um eine gezielte Ausbildung hochqualifizierter Fachleute für Verwaltung und Entwicklung des Bergbaus.
Mit dem Unterricht wurde der Verwalter des Oberbergamtes in Jáchymov, Johann Friedrich Weyer, beauftragt. Gerade seine Erfahrungen waren einer der Gründe, warum die Schule hier entstand. Bereits Ende des 17. Jahrhunderts betrieb er in Jáchymov eine private zweijährige Bergbauschule, die Fachleute für die Bedürfnisse der Erzgebirgsgruben vorbereitete.
Die ersten vier Studenten begannen ihr Studium am 1. Januar 1717. Voraussetzung für die Aufnahme waren ausgezeichnete Mathematikkenntnisse sowie zumindest Grundkenntnisse des Bergbaus. Das Studium verband theoretische Ausbildung mit praktischer Schulung. Die Studenten absolvierten den Unterricht in Jáchymov, praktische Ausbildung in böhmischen Gruben und lernten anschließend bedeutende Bergbauzentren in Ungarn, Sachsen und der Umgebung von Lüneburg kennen. Später wurde der praktische Teil auch um einen Aufenthalt in der Prager Münzstätte erweitert.


