BEVOR URAN REAKTOREN ANTRIEB, FÄRBTE ES GLAS
Einleitung
Nur wenige Elemente haben im Laufe der Geschichte einen so tiefgreifenden Bedeutungswandel erlebt wie Uran. Heute betrachten wir es als strategischen Rohstoff des Atomzeitalters, als Energiequelle und als Symbol einer der größten wissenschaftlichen Veränderungen des 20. Jahrhunderts.
Während des größten Teils seiner Geschichte ahnte der Mensch jedoch nicht, welche gewaltige Energie in diesem Element verborgen ist. Uran war kein Brennstoff. Es war kein militärischer Rohstoff. Es war kein Symbol der modernen Physik.
Es war eine Farbe.
Und gerade Jáchymov gehörte zu den Orten, an denen diese Geschichte begann.
Geschichte
Die Bergleute in Jáchymov begegneten dem schweren schwarzen Erz bereits seit den Anfängen des hiesigen Bergbaus. Da es häufig die Silberadern begleitete, betrachteten sie es lange Zeit eher als unerwünschtes Material. Sie nannten es Pechblende – wegen seines dunklen Aussehens, das an Pech erinnerte.
Erst später zeigte sich, dass dieses unscheinbare Gestein ein neues chemisches Element enthielt. Im Jahr 1789 entdeckte der deutsche Chemiker Martin Heinrich Klaproth in Erz aus dem sächsischen Erzgebirge ein neues Element, das er Uran nannte – nach dem kurz zuvor entdeckten Planeten Uranus.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann man nach praktischen Verwendungsmöglichkeiten zu suchen. Dabei ging es jedoch nicht um Energie, sondern um die Fähigkeit von Uranverbindungen, außergewöhnlich schöne und beständige Farben zu erzeugen.
Gerade die Jáchymover Pechblende wurde zu einem wichtigen Rohstoff für die Herstellung von Uranpigmenten. Ab 1853 begann hier die industrielle Produktion von Uranfarben, die vor allem in der Glas- und Keramikherstellung verwendet wurden.
Uranverbindungen konnten eine breite Palette von Farbtönen erzeugen. Am bekanntesten wurde das gelbe bis grüne Uranglas, das in ganz Europa beliebt wurde. Unter ultraviolettem Licht zeigt es zudem ein charakteristisches grünes Leuchten, weshalb es bis heute bei Sammlern begehrt ist.
Aus Jáchymover Erzen entstanden so Gegenstände, die nichts mit dem Atomzeitalter zu tun hatten – Vasen, Kelche, Zierglas oder Keramikerzeugnisse.
Zu einer Zeit, als niemand wusste, was Radioaktivität ist, gelangte Uran vor allem als ästhetischer Rohstoff in das Alltagsleben der Menschen.
Erst das Ende des 19. Jahrhunderts veränderte den Blick auf dieses Element für immer. Im Jahr 1896 entdeckte Henri Becquerel die natürliche Radioaktivität des Urans, und kurz darauf begannen Marie Curie-Skłodowska und Pierre Curie, gerade die Uranerze aus Jáchymov zu untersuchen.
Dasselbe Material, das Glas eine wunderschöne Farbe verlieh, öffnete die Tür zu einem völlig neuen Verständnis der Materie.
Vermächtnis
Die Geschichte des Jáchymover Urans zeigt, wie sich die Bedeutung eines Rohstoffes im Laufe der Jahrhunderte vollständig verändern kann.
Zunächst wurde es als wertloser Begleiter des Silbers betrachtet. Danach wurde es zur Quelle von Farben, die europäische Haushalte schmückten. Schließlich wurde es zu einem der wichtigsten Elemente der modernen Wissenschaft und Energietechnik.
Jáchymov war bei all diesen Veränderungen dabei.
Aus seinen Gruben stammte das Erz, aus dem Uranfarben entstanden. Vom selben Ort kam das Material, das half, das Geheimnis der Radioaktivität zu entschlüsseln. Und gerade Uran wurde später zum Symbol einer neuen Ära der Menschheitsgeschichte.
Bevor Uran Reaktoren antrieb und die weltweite Energiewirtschaft veränderte, half es dabei, Schönheit im Glas zu erschaffen.
Und auch diese weniger bekannte Geschichte gehört zu den Dingen, die Jáchymov der Welt geschenkt hat.


