HATTE DER KEILBERG EINEN EIGENEN GLETSCHER?
Eine Landschaft aus Eis und Frost
Wenn wir heute auf dem Gipfel des Keilbergs in einer Höhe von 1.244 Metern über dem Meeresspiegel stehen, sehen wir Wälder, Wiesen und die umliegenden Ortschaften. Vor Zehntausenden von Jahren sah diese Landschaft jedoch völlig anders aus. Während der Höhepunkte der Eiszeiten gab es hier keine geschlossene Eisdecke wie in Skandinavien oder in den Alpen, doch das Erzgebirge war einem extrem kalten Klima ausgesetzt.
Die Gipfelbereiche des Keilbergs waren wahrscheinlich eine baumlose Tundra. Starke Winde transportierten Schnee von den offenen Hochflächen und lagerten ihn an geschützten Stellen ab. Gerade dort konnten sich mächtige Schneeansammlungen bilden, die selbst während der kurzen Sommer nicht vollständig abschmolzen.
Einer dieser Orte war der Talabschluss im Quellgebiet des Plavenský-Baches, etwa zwei Kilometer südöstlich des Gipfels des Keilbergs.
Das geheimnisvolle Kar unter dem Keilberg
Auf die besondere Form dieses Gebietes machten Forscher bereits in der Vergangenheit aufmerksam. Die größte Beachtung fand die Arbeit des Geographen Rudolf Lucerna, der im Jahr 1940 eine Studie mit dem bezeichnenden Titel „Kar am Keilberg?“ veröffentlichte.
Schon das Fragezeichen im Titel war von Bedeutung. Es handelte sich nicht um die Behauptung, dass der Keilberg einen eigenen Gletscher besaß. Es war eine wissenschaftliche Fragestellung.
Lucerna beschrieb hier eine auffällige, amphitheaterartige Vertiefung, die an ein Gletscherkar erinnert. Ihr Boden liegt ungefähr auf einer Höhe von 950 bis 970 Metern über dem Meeresspiegel. Die Form ähnelt tatsächlich Gebieten, die in anderen Gebirgen durch kleine Gebirgsgletscher entstanden sind.
Falls hier ein Gletscher existierte, wäre es kein Gletscher alpinen Typs mit einer mächtigen Zunge gewesen, die weit ins Tal hinabreichte. Es hätte sich vielmehr um einen kleinen Kargletscher gehandelt, der nur auf wenige hundert Meter begrenzt war.
Der Streit um den Keilberg-Gletscher
Spätere Forschungen waren vorsichtiger. Der Geomorphologe Václav Král wies auf ein grundlegendes Problem hin – in der Umgebung der Geländeform wurden keine eindeutigen glazialen Ablagerungen gefunden. Vor allem fehlen Moränen, also Wälle aus Gesteinsmaterial, die ein sich bewegender Gletscher gewöhnlich hinterlässt.
Deshalb setzte sich zunehmend die Ansicht durch, dass die Form auch auf andere Weise entstanden sein könnte – durch die langfristige Wirkung von Schnee.
Solche Formen werden als Nivationsdepressionen bezeichnet. Über Tausende von Jahren konnten sich hier gewaltige Schneemassen halten. Schmelzwasser drang in Gesteinsrisse ein, gefror nachts, dehnte sich aus und zersetzte langsam den Fels. Stein für Stein, Winter für Winter, Jahrhundert für Jahrhundert.
Das Ergebnis konnte eine Form sein, die einem Gletscherkar sehr ähnlich sieht – auch ohne einen tatsächlich fließenden Gletscher.
Ein neuer Blick dank Lasertechnik
Ein neues Kapitel der Forschung eröffnete die moderne Technologie. Ein digitales Geländemodell, erstellt mithilfe von Laserscans der Landschaft, ermöglichte einen Blick unter die Walddecke und zeigte die eigentliche Form der Erdoberfläche.
Dabei zeigte sich, dass die Geländeform unterhalb des Keilbergs deutlich ausgeprägter ist, als man früher annahm.
Der hufeisenförmige Talabschluss besitzt eine Kante von etwa 650 Metern Länge. Seine Wand erreicht eine Höhe von rund 70 Metern, darunter befindet sich ein relativ flacher Boden in etwa 940 Metern Höhe über dem Meeresspiegel.
Oberhalb dieses Ortes liegen ausgedehnte Hochflächen zwischen Keilberg, Macecha und Černá skála. Gerade von dort konnte der Wind während der Eiszeiten große Schneemengen in den geschützten Talabschluss transportieren.
Ein Gletscher, der keine Spuren hinterließ?
Die Frage, ob der Keilberg tatsächlich einen eigenen Gletscher hatte, bleibt somit offen. Die Wissenschaft steht hier vor einem Problem, das auch in anderen europäischen Gebirgen nicht ungewöhnlich ist.
Kleine Gebirgsgletscher mussten nicht immer so deutliche Spuren hinterlassen wie große alpine Gletscher. Wenn sie nur kurze Zeit existierten, eine geringe Ausdehnung hatten oder aus sogenanntem kaltem Eis bestanden, das am Untergrund festgefroren war, war ihre Fähigkeit, die Landschaft umzugestalten, wesentlich geringer.
Ein solcher Gletscher konnte nahezu spurlos verschwinden.
Andererseits ist es möglich, dass am Keilberg niemals ein echter Gletscher entstand. Vielleicht existierte hier über Jahrtausende lediglich ein großes Schneefeld – ein Firnfeld –, das durch seine langfristige Wirkung eine einem Gletscherkar ähnliche Form erschaffen konnte.
Und genau darin liegt der besondere Reiz des Keilberg-Kars. Es erzählt keine Geschichte mit einer einfachen Antwort. Es ist vielmehr ein Zeuge jener Zeit, in der der höchste Berg des Erzgebirges an der Grenze der Möglichkeiten einer Gebirgsvergletscherung stand.
Eine vergessene Welt unter dem Keilberg
Heute ist es schwer, sich den Keilberg ohne Wälder und grüne Bergwiesen vorzustellen. Während der Eiszeit hätte ein Mensch, der hier gestanden hätte, jedoch eine völlig andere Landschaft gesehen.
Vor ihm hätte sich eine offene, steinige Tundra ausgebreitet. Bäume wären hier kaum gewachsen. Über die Hochflächen wäre ein eisiger Wind gezogen, und viele Monate im Jahr hätte Schnee die Landschaft bedeckt.
An den Felsen fand intensive Frostverwitterung statt. Wasser drang in kleinste Spalten ein, verwandelte sich in Eis und sprengte langsam selbst das härteste Gestein. Die Ergebnisse dieser Arbeit des Frostes können wir in der Umgebung von Jáchymov bis heute sehen – zum Beispiel in Form von Blockmeeren und Blockfeldern.
Dieselbe Zeit, die möglicherweise die geheimnisvolle Geländeform unterhalb des Keilbergs erschuf, brachte auch weitere Naturdenkmäler des Erzgebirges hervor.
Eine hundertjährige Frage
Seit Rudolf Lucerna die Frage „Kar am Keilberg?“ stellte, sind fast hundert Jahre vergangen. Dennoch hat diese Frage nichts von ihrer Faszination verloren.
Moderne Technologien ermöglichen es uns, die Landschaft auf eine Weise zu betrachten, die früheren Forschern nicht zur Verfügung stand. Die Laserkartierung enthüllte unter dem Wald verborgene Formen und bestätigte, dass sich unterhalb des Keilbergs tatsächlich ein außergewöhnlich interessantes Relikt der kalten Perioden des Quartärs befindet.
Ob es sich um das Werk eines kleinen Gebirgsgletschers handelt oder um das Ergebnis jahrtausendelanger Einwirkung von Schnee und Frost, bleibt Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen.
Eines ist jedoch sicher.
Wenn wir heute vom Keilberg in Richtung der tiefen Täler des Erzgebirges blicken, sehen wir nur die gegenwärtige Gestalt der Landschaft. Unter unseren Füßen verbirgt sich jedoch eine viel ältere Geschichte – die Geschichte einer Zeit, in der oberhalb von Jáchymov noch keine Bergwerke und Bergstädte lagen, sondern ein Land aus Schnee, Stein und Eis.
Und vielleicht auch der letzte vergessene Gletscher des Erzgebirges.


