PATRIZIERHAUS NR. 270
Einleitung
Das Haus Nr. 270 steht an der Hauptverkehrsachse der Stadt und stellt ein typisches Patrizierhaus aus der Blütezeit der Stadt in der Mitte des 16. Jahrhunderts dar. Obwohl es im 19. und 20. Jahrhundert mehrfach umgebaut wurde, bewahrte es sein wertvolles Renaissancekerngefüge und vor allem das herausragende Portal, das bis heute seinen architektonischen Charakter bestimmt.
Geschichte
Eigentümer des Hauses war der Bergschreiber Wolf Thiel, ein Vertreter der bedeutenden Beamtenschicht, die mit der Bergverwaltung verbunden war. Neben dem Haus Nr. 270 besaß er auch das Haus Nr. 292, was sein Vermögen und seine gesellschaftliche Stellung in der Stadt um die Mitte des 16. Jahrhunderts belegt. Die Funktion des Bergschreibers stellte eine Schlüsselrolle in der Verwaltung der Bergstadt dar, was sich auch im repräsentativen architektonischen Anspruch seiner Häuser widerspiegelte.
Nach dem großen Stadtbrand von 1873 wurde das Gebäude baulich verändert. Bis 1914 befand sich hier eine Gastwirtschaft, später wurde das Haus als Seifensiederei genutzt. Im Jahr 1936 wurde im Erdgeschoss ein Schaufenster eingebaut, das die ursprüngliche Gestaltung des Parterres beeinträchtigte.
Zu einer grundlegenden Veränderung kam es 1963, als die ursprünglich gegliederte Fassade entfernt und durch dreiteilige Fenster ersetzt wurde. Dieser Eingriff beschädigte den historischen Ausdruck des Hauses erheblich und wirkte sich auch negativ auf den Zustand des Portals aus.
Beschreibung
Es handelt sich um ein zweigeschossiges Vorderhaus mit Satteldach, heute mit Alukryt gedeckt. Die heutige Fassade ist glatt und entbehrt der ursprünglichen architektonischen Gliederung, die bei den neuzeitlichen Umbauten verloren ging.
Das dominierende Element ist das Renaissance-Eingangsportal aus dem Jahr 1543, ausgeführt in Formen der sächsischen Renaissance. Es besitzt die Gestalt einer Ädikula mit schlanken Säulchen mit Kompositkapitellen, die auf Konsolen ruhen und ein profiliertes Gesims tragen. Darüber befindet sich ein Aufsatz mit Oberlicht, dessen seitliche Felder muschelförmig gestaltet sind und von fantastischen Sirenenfiguren mit Fischleib und Vogelkopf flankiert werden, die in Blattrosetten übergehen.
Das eigentliche Gewände des halbkreisförmigen Eingangs ist reich profiliert mit sich überschneidenden Rundstäben und Rücksprüngen. Der untere Teil wurde bei späteren baulichen Eingriffen stark beschädigt. In den seitlichen Medaillons befinden sich Porträtköpfe eines Mannes und einer Frau mit Barett, vermutlich Darstellungen der Bauherren.
Restaurierung und Denkmalwert
Das Haus Nr. 270 stellt ein typisches Beispiel eines Jáchymover Patrizierhauses mit Renaissance-Grundriss dar. Sein Portal gehört zu einer Gruppe künstlerisch hochwertiger lokaler Portale, die innerhalb eines Jahrzehnts um die Mitte des 16. Jahrhunderts entstanden. Gemeinsames Merkmal dieser Werke ist eine feine lineare Komposition und präzise steinmetzmäßige Detailarbeit.
Formal ist das Portal mit dem Portal des Hauses Nr. 292 verwandt, das ebenfalls auf das Jahr 1543 datiert ist. Diese Arbeiten entstanden unter starkem Einfluss der sächsischen Frührenaissance im Umfeld der Steinmetzwerkstätten, die am Bau der Dechantenkirche beteiligt waren. Trotz späterer ungeeigneter Eingriffe bleibt das Portal des Hauses Nr. 270 ein bedeutendes Zeugnis der hohen Qualität der Renaissance-Steinmetzkunst der Stadt.
Fotogalerie: https://www.rajce.idnes.cz/mipalfi/album/jachymov-dum-cp-270


