DIE LATEINISCHE BIBLIOTHEK IN JÁCHYMOV
EINLEITUNG
Nach der Gründung der Stadt Jáchymov kam es nicht nur zu einem rasanten Aufschwung des Bergbaus und zum Wachstum der Siedlung zur zweitgrößten Stadt des Königreichs Böhmen, sondern parallel dazu auch zu einer bemerkenswerten Entwicklung im Bildungswesen. Bereits 1519 wurde eine Lateinschule gegründet, und 1524 entstand als ihr Bestandteil die Lateinische Bibliothek. Sie entwickelte sich rasch zu einer der bedeutenden städtischen Bibliotheken ihrer Zeit.
GESCHICHTE UND ENTWICKLUNG
Im Jahr 1534 wurde der Stadtprediger Johan Mathesius zum Rektor der Lateinschule ernannt. Er zählt zu den bedeutendsten Persönlichkeiten des geistigen und kulturellen Lebens Jáchymovs. Mathesius gilt als Begründer der ältesten erhaltenen Matrikel in den böhmischen Ländern sowie als Verfasser der Stadtchronik. Sein Wirken stärkte das intellektuelle Profil der Stadt nachhaltig.
Eine Besonderheit der Bibliothek bestand darin, dass sie von Anfang an nicht nur den Schülern der Schule, sondern auch Ärzten, Bergbeamten und Gewerken zur Verfügung stand. Dies spiegelt den Charakter Jáchymovs als technisch fortschrittliches und wirtschaftlich starkes Bergbauzentrum wider, in dem Bildung auch im praktischen Leben eine wichtige Rolle spielte.
Im Zuge der Rekatholisierung wurde die Lateinschule samt Bibliothek im Jahr 1627 als Zentrum des Protestantismus geschlossen. In ihrer Blütezeit war die Bibliothek jedoch Ausdruck der Bildung der städtischen Eliten, des humanistischen Geistes der Schule und zugleich ein Beleg für den Reichtum der Stadt.
ENTDECKUNG UND RETTUNG
Im Jahr 1871 entdeckte der Direktor des Stadtarchivs von Cheb und gebürtige Joachimsthaler Karl Siegl (1851–1943) die Reste der Bibliothek auf dem Dachboden des Rathauses, wo sie unter Abfall, Schutt und sogar Schnee begraben lagen. Ursprünglich suchte er nach der sogenannten Schlick’schen Bibliothek. Nach dem Fund begann er umgehend mit der Erstellung eines Inventarverzeichnisses, das er dem Bergmeister Florian Vogl (1818–1896) übergab.
Die zufällige Entdeckung erwies sich als entscheidend. Bereits 1873 wurde die Stadt von einem verheerenden Brand heimgesucht, bei dem auch das Rathaus zerstört wurde. Ohne die vorherige Sicherung wären die Bücher vermutlich unwiederbringlich verloren gegangen.
BESTAND UND INHALT
Von der ursprünglichen Bibliothek blieben 232 Bände mit insgesamt 358 Werken erhalten. Davon stammen 52 Drucke aus der Zeit vor 1500 und zählen somit zu den europäischen Inkunabeln. Etwa ein Drittel des Bestandes besteht aus theologischen Schriften, ein weiteres Drittel aus Werken antiker Klassiker, der Rest aus Wörterbüchern, astronomischen und astrologischen Abhandlungen, Kalendern sowie naturwissenschaftlichen und botanischen Schriften.
Zu den bedeutenden Werken gehören unter anderem Mathesius’ Sarepta, das Epos Das Joachimsthaler Bergbüchlein von Hans Ruthard, Agricolas Werk De re metallica aus dem Jahr 1557 sowie Homers Ilias von 1535. Die Bibliothek umfasst außerdem eine 1479 in Venedig gedruckte lateinische Bibel, Ptolemaios’ Cosmographia, 1486 in Ulm mit 32 kolorierten Karten herausgegeben, sowie zwei Bände geistlicher Lieder Cantica Sacra von Nickel Hermann.
Das jüngste Werk ist Sebastian Münsters Cosmographia aus dem Jahr 1629. Ein besonderes Unikat stellt eine illuminierte deutsche Bibel aus dem Jahr 1475 dar. Als wertvollstes Stück gilt vermutlich ein hebräisches Altes Testament – ein handschriftlicher Kodex mit 464 Pergamentblättern von Eliezer ben Issak aus dem 12. Jahrhundert.
GEGENWART UND AUSSTELLUNG
Ein Teil des Bibliotheksbestandes wird heute im Museum Jáchymov im Gebäude der ehemaligen Münze ausgestellt. Zudem wurde in den rekonstruierten Kellerräumen des Rathauses eine Dauerausstellung eingerichtet, die der Lateinischen Bibliothek gewidmet ist und sie symbolisch an ihren ursprünglichen Ort zurückführt.
Eine öffentliche Bibliothek wurde in Jáchymov bereits in den Jahren 1540–1541 durch das Engagement des Bürgermeisters Štěpán Hacker gegründet. Bemerkenswert war ihre gedruckte Benutzungsordnung, die das hohe Organisationsniveau des städtischen Kulturlebens im 16. Jahrhundert belegt.


