SCHULWESEN IN JOACHIMSTHAL
Einleitung
Die Entwicklung des Schulwesens in Joachimsthal spiegelt die Geschichte der Stadt selbst wider – vom dynamischen Bergbauzentrum des 16. Jahrhunderts über Zeiten des Niedergangs und der Reformen bis hin zu nationalen Spannungen und dem modernen Bildungssystem. Joachimsthal war nicht nur eine Stadt der Gruben und der Münzstätte, sondern auch ein Ort, an dem Institutionen von überregionaler, ja weltweiter Bedeutung entstanden.
Die Lateinschule – Bildungszentrum des 16. Jahrhunderts
Die erste Schule der neuen Siedlung und späteren Stadt war die Lateinschule. Sie wurde wahrscheinlich bereits 1516, spätestens jedoch 1517 gegründet. Nach der Erhebung der Siedlung zur Stadt wurde sie zur sogenannten Mittelschule, da der Unterricht in elementaren Fächern wie Lesen, Schreiben und Deutsch fehlte.
Der erste Rektor, Stephan Roth (Rektor 1520–1523), führte den Unterricht in Griechisch ein. Damit nahm die Schule eine Vorreiterrolle ein, denn an der Prager Universität wurde Griechisch erst ab 1540 gelehrt. Die Schüler führten lateinische und griechische Dramen auf und trugen damit zum hohen Ansehen der Schule bei.
Zu den bedeutendsten Rektoren gehörte zweifellos Johannes Mathesius. Er verlieh der Schule eine feste innere Struktur und setzte den Katechismusunterricht durch. Obwohl dieser Schritt zunächst auf Widerstand stieß, wurde die Schule dadurch zu einem wichtigen Zentrum der Reformation in der Region. 1551 verfasste Mathesius eine neue Schulordnung – die Joachimsthaler Kirchen-Schul und Spitalordnung. Diese wurde später zum Vorbild für weitere Lateinschulen.
Die Schüler sollten nicht nur unterrichtet, sondern auch erzogen und in moralischen Grundsätzen gefestigt werden. Zur Schule gehörte auch eine Bibliothek, die sich größtenteils bis heute erhalten hat. Diese war der Stolz der Schule; bei einer Inspektion bewunderte sie auch König Ferdinand I..
Zu den bedeutenden Persönlichkeiten zählten Petr Plateanus, Philipp Eberbach, Georg Agricola sowie Nicolaus Hermann, der hier als Musiklehrer wirkte. Die Schule pflegte Instrumental- und Vokalmusik; ihre Schüler sangen regelmäßig in der Kirche und bei Festlichkeiten. Hermanns Lieder finden sich bis heute in evangelischen Gesangbüchern. Seine persönlichen Gesangbücher wurden 1561 kurz vor seinem Tod von der Stadt erworben und sind bis heute Teil der erhaltenen Schulbibliothek.
Neben seiner Tätigkeit an der Lateinschule gründete Mathesius auch eine evangelische Mädchenschule, was Proteste der Stadtverwaltung und der Lateinschule hervorrief. Zwischen 1540 und 1551 entstand durch das Engagement der Lehrer und des Bürgermeisters Stephan Hacker auch eine öffentliche Bibliothek, die als erste weltweit eine gedruckte Ausleihordnung verwendete.
Das Ende der Schule brachte die Schlacht am Weißen Berg und die anschließende Rekatholisierung Böhmens. Letzter Rektor im Jahr der Schließung (1627) war Wenzel Hillinger. Während ihres Bestehens wirkten hier 24 Rektoren und 25 Lehrer.
Die Bergschule – die erste ihrer Art weltweit
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde deutlich, dass der Bergbau nicht mehr allein auf praktische Erfahrung und die Weitergabe von Wissen von Vater zu Sohn angewiesen sein konnte. Am 13. Oktober 1716 wurde auf Befehl von Kaiser Karel VI. die Bergschule gegründet – die erste Einrichtung dieser Art weltweit.
Joachimsthal wurde nicht zufällig ausgewählt: Einerseits wollte man den darniederliegenden Bergbau beleben, andererseits bestand hier bereits eine private Schule ähnlicher Ausrichtung, gegründet vom Oberamtsverwalter J. F. Weyer. Noch im selben Jahr wurden die ersten vier Schüler aufgenommen.
1733 erarbeitete der böhmische Berginspektor Johann Franz Lauer detaillierte Unterrichtsanweisungen. Der Lehrplan umfasste verpflichtenden Mathematikunterricht (einschließlich Geometrie), Unterricht in lateinischer Sprache, Bergrecht, Bau und Vermessung von Grubenbauen, Erzlehre sowie verpflichtende Laborarbeiten. Das Studium dauerte zwei Jahre und endete mit praktischen Prüfungen.
Die Schule wurde durch Dekret von Marie Terezie am 10. März 1762 aufgehoben und in das zugleich gegründete Institut für Mineralogie und Metallurgie an der Prager Universität eingegliedert. Ihre Lehrpläne dienten später als Grundlage für die Bergschule in Banská Štiavnica, wohin gegen Ende des 18. Jahrhunderts die gesamte bergmännische Ausbildung der Monarchie verlegt wurde.
Volks- und Bürgerschulen
Die älteste bekannte Schule wurde bereits 1518 im Haus des Hans Weitzelmann eingerichtet. 1535 kaufte die Stadt den Palast des Lorenz Schlik zwischen der St.-Joachim-Kirche und der Grube Einigkeit (Svornost) und richtete dort eine Schule ein.
Nach dem Stadtbrand von 1873 wurden die Klassen vorübergehend in der Fabrik von Johann Klinger untergebracht. Die rekonstruierte Schule verfügte über spezialisierte Unterrichtsräume für Chemie, Physik, Naturkunde und Musik sowie über umfangreiche Lehrmittelsammlungen. 1888 wurde eine Turnhalle errichtet, die auch für kulturelle Veranstaltungen genutzt wurde.
1890 entstand eine zweite Volksschule im unteren Stadtteil. Anlässlich des fünfzigjährigen Regierungsjubiläums von Kaiser František Josef I. wurde am 1. Oktober 1899 eine neue Schule eröffnet, die den Namen Franz Josef Kaiser Schule erhielt.
Das Schulwesen im 20. Jahrhundert
Nach der Gründung der Tschechoslowakei wurde am 17. Oktober 1921 die erste tschechische Klasse eröffnet. 1933 entstand eine eigenständige tschechische Schule, 1934 folgte eine tschechische Bürgerschule. In der Stadt bestanden somit deutsche und tschechische Volks- und Bürgerschulen nebeneinander.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Schulwesen zunächst im Gebäude der ehemaligen Kaiser-Schule konzentriert. Wegen Platzmangels wurde eine neue moderne Schule errichtet, die am 29. August 1954 eröffnet wurde. Seit 1953 trägt sie den Namen Marie Curie-Sklodowska.
Für Vorschulkinder entstanden Kinderkrippen und mehrere Kindergärten.
Gegenwart
Heute ist die Grundschule Marie Curie-Sklodowska organisatorisch wieder mit dem Kindergarten verbunden. Damit knüpft das Schulwesen in Joachimsthal an eine über fünfhundertjährige Tradition an, die mit der Lateinschule begann und sich bis in die Gegenwart fortsetzt.


