DER INDUSTRIE IN JOACHIMSTHAL
Wie ein feiner, aber durchgehender Faden zieht sich die Entwicklung des Bergbaus und Hüttenwesens durch die Geschichte Joachimsthals. Doch nicht jeder Einwohner war Bergmann oder Hüttenarbeiter. Die Notwendigkeit, auch außerhalb der Gruben den Lebensunterhalt zu sichern, führte zur Entstehung weiterer Produktionszweige. Zunächst handelte es sich um Zünfte und kleinere Handwerke, später um Manufakturen und Industriebetriebe. Nicht nur Männer arbeiteten – auch Frauen, die sich in erster Linie um Haushalt und Familie kümmerten, fanden Beschäftigung, die sich allmählich professionalisierte und industriellen Charakter annahm.
Die erste belegte gezielte Beschäftigung von Frauen stammt aus dem Jahr 1562, als Barbara Utmann für die Frauen der Bergleute das Spitzenklöppeln einführte. Die Produkte dienten nicht nur dem Eigenbedarf, sondern vor allem dem Verkauf auf regionalen Märkten. Hintergrund waren Armut und die saisonale Arbeitslosigkeit der Bergleute in den Wintermonaten.
Als erster eigentlicher Industriebetrieb gilt die 1780 gegründete Püchnersche Fabrik für Schmelzfarben und Kobaltblau. Der eigentliche industrielle Aufschwung setzte jedoch erst im 19. Jahrhundert ein.
1831 nahm die Handschuhfabrik Sauerstein & Söhne den Betrieb auf. Von ihr ist bis heute das eingeschossige Nebengebäude Nr. 314 erhalten geblieben.
Ein besonderes Joachimsthaler Produkt waren die Uranfarben, die 1840 vom Chemiker Adolf Patera entwickelt wurden. Sie dienten zur Bemalung von Porzellan und zur Färbung von Glas, das je nach Lichteinfall und Inhalt seine Farbe veränderte. Die Fabrik befand sich an der Stelle des heutigen Parks zwischen dem Kurzentrum Agricola und dem Untersuchungsinstitut. 1939 wurde der Betrieb eingestellt, 1941 das Gebäude abgerissen.
1843 gründeten Julius und Anna Kuhlmann eine Manufaktur für handgeflochtene Strohmatten. 1851 eröffneten ihre Söhne eine weitere Handschuhfabrik.
Obwohl Uranerz bereits seit den 1840er Jahren gefördert wurde, begann die industrielle Gewinnung 1853. In diesem Jahr wurden 1.500 kg Uranocker produziert.
Die 1855 gegründete Staatliche Tabakfabrik nahm am 3. November 1860 die Produktion auf und war nach Sedlec bei Kutná Hora die zweite ihrer Art in den böhmischen Ländern.
1866 entstand neben der Kirche St. Joachim eine Korkfabrik – die erste ihrer Art in Österreich-Ungarn. Später richtete J. Klinger hier eine Fabrik für Koffer und Galanteriewaren ein.
1867–1868 kam es zu einem Niedergang: Die Hütten wurden geschlossen, die Silberhütte nach Příbram verlegt, andere Betriebe nach Freiberg in Sachsen.
1887 entstand eine Seifenfabrik, die während der „Radiumbegeisterung“ sogar Radiumseife produzierte. Gleichzeitig wurden Radiumbier und Radiumbrot angeboten.
1891 wurde eine Fabrik für Holzspielzeug und Marionetten gegründet. Später wurde das Gebäude zum Kurhaus Praha umgebaut.
1902 entstand ein städtisches Elektrizitätswerk. 1927 eröffnete C. Zulauf eine Parfümerie mit Radiumcremes, Parfüms und Likören.
Neben diesen Betrieben existierten Schlachthaus, Brauerei, Mühlen, Sägewerke, Drahtzieherei und Papierfabrik.
Nach dem Zweiten Weltkrieg dominierte der Uranbergbau. 1956 entstand der Nationalbetrieb Jáchymovské doly mit zahlreichen Standorten. Neben regulären Arbeitern arbeiteten hier auch Tausende politische Gefangene.
Heute existieren nur noch kleinere Betriebe.


