LAGER FÜR ZWANGSARBEIT UND DAS SYSTEM DER ZWANGSARBEITSKRÄFTE
10.1 Arbeitskräftemangel und Anwerbungspolitik
Nach 1945 standen die Jáchymovské doly vor einem grundlegenden Problem – dem Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. Die Uranförderung sollte erheblich ausgeweitet werden, doch die Region war durch die Vertreibung der deutschen Bevölkerung nach dem Krieg demografisch geschwächt.
In den Jahren 1946–1948 wurden intensive Anwerbekampagnen durchgeführt. Arbeitnehmer wurden angelockt durch:
• überdurchschnittliche Löhne (oft auf dem Niveau von Regierungsmitgliedern)
• die Zuweisung von Wohnungen
• arbeitsfreie Samstage (zu einer Zeit mit sechstägiger Arbeitswoche)
• Befreiung vom Lebensmittelkartensystem
• bevorzugte Versorgung mit Waren
Trotzdem gelang es nicht, die geplanten Personalstärken von 30.000 bis 60.000 Beschäftigten zu erreichen.
10.2 Einsatz von Kriegsgefangenen
Bereits während des Zweiten Weltkriegs setzte die deutsche Verwaltung Kriegsgefangene ein. Nach 1945 wurden deutsche Kriegsgefangene, die aus sowjetischen Lagern deportiert worden waren, in Jáchymov eingesetzt. Ihre Zahl wird auf etwa 3.600 bis 4.200 Personen geschätzt.
Die Arbeitsbedingungen waren hart, doch das System der Zwangsarbeit erreichte seinen größten Umfang erst nach 1948.
10.3 Das Gesetz über die Lager für Zwangsarbeit (1948)
Nach dem Februarumsturz 1948 wurde das Gesetz über die Errichtung von Lagern für Zwangsarbeit (TNP – Tábory nucené práce) verabschiedet. Ursprünglich sollten sie der „Umerziehung“ von Personen dienen, die als klassenmäßig unzuverlässig galten. Richtlinien des Innenministeriums aus dem Jahr 1949 zeigen jedoch deutlich, dass die TNP als Instrument des Klassenkampfes verstanden wurden.
Die Richtlinie vom 8. August 1949 legte fest:
• monatliche Einweisung von 3.000 Personen in die TNP
• Konzentration vor allem auf Angehörige der ehemaligen Bourgeoisie
• Aussiedlung „unerwünschter Personen“ aus Großstädten, insbesondere aus Prag
Die Dokumente belegen die bewusste Absicht, Arbeitslager als Instrument zur sozialen Umgestaltung der Gesellschaft einzusetzen.
10.4 Das Lagernetz im Raum Jáchymov
In unmittelbarer Nähe der Bergwerke entstand ein umfangreiches Netz von Straf- und Umerziehungslagern:
Svornost
Rovnost
Eliáš I und II
Vykmanov I und II
Nikolaj
Barbora (Vršek)
Adam
Eva
Zentrallager am Schacht Bratrství
Weitere Lager existierten im Raum Horní Slavkov sowie im Gebiet von Příbram.
Die Zahl der Gefangenen erreichte in der ersten Hälfte der 1950er Jahre etwa 20.000 bis 25.000 Personen. Die Häftlinge wurden häufig mit der Abkürzung MUKL bezeichnet – Muž určený k likvidaci („zur Liquidierung bestimmter Mann“).
10.5 Arbeitsbedingungen
Die Gefangenen arbeiteten:
• in tiefen Grubenbauen und Stollen
• beim Vortrieb neuer Strecken
• beim Transport von Material
• beim manuellen Zerkleinern von Erz
Der Schutz vor radioaktiver Strahlung war minimal. Hohe Staubbelastung, Feuchtigkeit und körperlich äußerst schwere Arbeit führten zu zahlreichen Arbeitsunfällen. Zwischen 1950 und 1960 ereigneten sich etwa 30.000 Arbeitsunfälle, davon rund 450 mit tödlichem Ausgang.
Die Zahl der Todesfälle infolge von Krankheiten, Misshandlungen oder völliger Erschöpfung lässt sich nicht mehr exakt feststellen.
10.6 Leitungssystem und Kontrolle
Die Lager unterstanden dem Ministerium für Nationale Sicherheit. Die Bewachung wurde vom Nationalen Sicherheitskorps (SNB) übernommen. Ergänzt wurde die interne Hierarchie durch sogenannte Kapos, die häufig aus dem Kreis krimineller Häftlinge ausgewählt wurden.
Das Organisationsmodell weist deutliche Parallelen zum sowjetischen Gulag-System auf:
• Arbeitsnormen als Grundlage der Bewertung
• Verbindung von repressiver und produktiver Funktion
• zentralisierte sicherheitspolitische Kontrolle
Es muss jedoch betont werden, dass das System von Jáchymov rechtlich im Rahmen der tschechoslowakischen Gesetzgebung verankert war und keine direkte Kopie der sowjetischen Lager darstellte, auch wenn die ideologischen und organisatorischen Einflüsse offensichtlich sind.


