DEUTSCHES KERNENERGIEPROGRAMM UND DIE ROLLE DES JÁCHYMOVER URANS (1938–1945)
Die Entdeckung der Kernspaltung des Urans im Dezember 1938 durch Otto Hahn und Fritz Straßmann, die theoretisch von Lise Meitner und Otto Frisch erklärt wurde, veränderte die Bedeutung des Urans grundlegend. Es zeigte sich, dass bei der Spaltung des Isotops U-235 enorme Energiemengen freigesetzt werden und Neutronen entstehen, die eine Kettenreaktion auslösen können.
In Deutschland wurde kurz darauf das Projekt gestartet, das als Uranverein bekannt wurde. Ziel war zunächst nicht ausschließlich die Entwicklung einer Atombombe, sondern vor allem der Bau einer sogenannten Uranmaschine – einer Anlage zur kontrollierten Kernspaltung, also eines Kernreaktors. An dem Projekt arbeiteten führende Physiker, darunter Werner Heisenberg, Kurt Diebner und weitere Wissenschaftler.
Nach dem Anschluss des Sudetenlandes an das Deutsche Reich im Oktober 1938 gingen die Lagerstätten von Jáchymov unter die Kontrolle deutscher Behörden über. Die Verwaltung übernahm die Joachimsthaler Bergwerke GmbH. Das Uranerz wurde unter anderem vom Unternehmen Degussa verarbeitet, das über Erfahrung in der chemischen Verarbeitung von Metallen und radioaktiven Stoffen verfügte.
Die Förderung nahm zwischen 1939 und 1944 schrittweise zu. Die Angaben unterscheiden sich je nach Quelle, die ungefähren Werte lauten jedoch wie folgt:
1939 – etwa 4,8 Tonnen
1940 – etwa 6 Tonnen
1941 – etwa 5,5 Tonnen
1942 – etwa 9,5 Tonnen
1943 – etwa 10,5 Tonnen
1944 – etwa 11,5 Tonnen
Diese Mengen waren im Vergleich zur Nachkriegsförderung relativ gering, besaßen jedoch strategische Bedeutung. Das deutsche Programm war jedoch nicht in der Lage, die entscheidenden technischen Probleme zu lösen, insbesondere die Frage des Moderators (Graphit oder Schwerwasser) sowie die industrielle Urananreicherung.
Nach der Niederlage Deutschlands erhielt die Sowjetunion nicht nur Zugang zu den Lagerstätten von Jáchymov, sondern auch zu einem Teil der deutschen Uranvorräte (geschätzt etwa 40 Tonnen) sowie zu den Ergebnissen der Verhöre deutscher Wissenschaftler. Diese Faktoren beschleunigten das sowjetische Atomprogramm.
Jáchymov spielte somit eine Rolle in zwei Kernenergieprojekten – zunächst im deutschen Forschungsprogramm und später im sowjetischen Rüstungsprogramm.


