HANDSTEIN – EIN BERGBAULICHES KUNSTWERK

Handstein: Caspar Ulich, 1565
EINLEITUNG
Die Bezeichnung Handstein stammt aus dem Deutschen und bezeichnet ein Mineral oder ein Stück Erz von besonderem Aussehen und hoher Qualität, das mit einer Hand gehoben werden konnte. Die lateinische Bezeichnung lapis manualis ist lediglich eine wörtliche Übersetzung des deutschen Ausdrucks. Es handelte sich also nicht um ein gewöhnliches Gestein, sondern um ein ausgewähltes Stück, das aufgrund seiner Form, Struktur oder seines Metallgehalts zur Grundlage eines Kunstobjekts wurde.
GESCHICHTE UND ENTWICKLUNG
Die Grundlage der Handsteine bildete meist Silber- oder Zinnerz, später auch Kupfer- oder polymetallisches Erz. Das ausgewählte Stück wurde anschließend von einem Goldschmied bearbeitet und um figürliche oder architektonische Elemente ergänzt. Als Sockel dienten vergoldetes Silber oder kostbare Holzarten. Das Ergebnis war eine Verbindung von natürlicher Formation und kunsthandwerklicher Gestaltung.
Die ältesten Handsteine stammen aus Jáchymov und ihre Herstellung wird mit Conz Welcz nach 1520 in Verbindung gebracht. Ein bedeutender Künstler war auch Caspar Ulich, der im dritten Viertel des 16. Jahrhunderts in Jáchymov tätig war. Gerade im Umfeld der sich rasch entwickelnden Bergstadt entstand eine Tradition, die sich später in andere mitteleuropäische Regionen verbreitete.
Im 18. Jahrhundert kam es zu einer Wiederbelebung beziehungsweise Neueinführung der Handsteinherstellung, unter anderem in Příbram, Kremnica, Banská Bystrica und Banská Štiavnica. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden die kostbaren Erze teilweise durch andere Materialien wie Holz, Moos, Rinde, Baumharz, kaschiertes Leinwandgewebe oder sogar Papier ersetzt. Der Handstein wandelte sich damit allmählich von einem repräsentativen bergmännischen Artefakt zu einem dekorativen Objekt.
BESCHREIBUNG UND TYPOLOGIE
Der frühe oder sogenannte Joachimsthaler Handstein bestand aus einem einzelnen Mineralstück, das teilweise bearbeitet und mit kleinen Figuren oder Gegenständen ergänzt wurde. Am häufigsten stellte er religiöse Szenen oder bergmännische Darstellungen mit religiösem Bezug dar. Man begegnet beispielsweise Szenen der Kalvarienberg-Darstellung mit dem gekreuzigten oder triumphierenden Christus, der Golgatha, dem Garten Gethsemane mit dem betenden Christus oder dem Kreuzweg. Nach dem Einsetzen der Reformation erscheinen Motive wie die Vertreibung aus dem Paradies, die Erschaffung Evas oder auch zwei Motive auf gegenüberliegenden Seiten des Handsteins, wobei eines alttestamentlich und das andere neutestamentlich ist.
Begleitfiguren zeigen häufig arbeitende Bergleute mit ihrer Ausrüstung oder Figuren, die thematisch mit dem dargestellten Motiv verbunden sind. Es finden sich auch Handsteine mit Darstellungen von Kapellen, Burgen oder Erzadern. Die Sockel sind oft als pokalartige Füße mit breiter Basis gestaltet. Eine Besonderheit bildeten kleine Handsteine, die als Amulette getragen wurden.
Spätere Handsteine, die nicht mehr aus Jáchymov stammen, bestehen meist aus mehreren Gesteinsstücken und sind kompositorisch in die Breite angelegt. Einige erreichten sogar die Größe einer Tischplatte, häufiger jedoch die eines größeren Tabletts. Als Sockel dienen mitunter Trägerfiguren, etwa Bergleute, die den Handstein in den Händen oder auf dem Kopf tragen. Diese Kompositionen zeigen Modelle realer Burgen, die Geburt Christi mit Krippe, Städte oder Handwerkswerkstätten und sind häufig mit Drusen von Edelsteinkristallen ergänzt. Eine besondere Kategorie bilden Handsteine mit beweglichen Mechanismen, bei denen die beigefügten Figuren charakteristische Tätigkeiten ausführen.
BEDEUTUNG UND FUNKTION
Handsteine wurden vor allem in Kunst- und Wunderkammern adeliger Residenzen ausgestellt. Sie galten als repräsentative Objekte, die den Reichtum der Natur mit menschlicher Kunstfertigkeit verbanden. Zugleich wurden sie zum Symbol des Bergbaus, technischer Geschicklichkeit und des religiösen Weltbildes ihrer Zeit.


