DIE JOACHIMSTHALER SPIELKARTEN AUS DEM 16. JAHRHUNDERT
EINLEITUNG
Zu den bedeutendsten beweglichen Denkmälern der Stadt Jáchymov gehörten – oder besser gesagt gehörten einst – zwei vollständige Spielkartensätze aus dem frühen 16. Jahrhundert. Es handelte sich um einen außergewöhnlichen Fund von europäischer Bedeutung, da vergleichbare vollständig erhaltene und zugleich tatsächlich benutzte Kartensätze weder im Nationalmuseum noch in anderen Institutionen auf dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik vorhanden sind. Heute gelten diese Karten jedoch als verschollen, und ihr weiteres Schicksal bleibt unklar.
GESCHICHTE UND KONTEXT
Die Herstellung von Spielkarten ist in Böhmen bereits zu Beginn des 15. Jahrhunderts nachweisbar, auch wenn die älteste schriftliche Erwähnung einer Kartenwerkstatt erst aus dem Jahr 1517 stammt. Die ältesten erhaltenen Karten in den böhmischen Ländern aus dem Jahr 1547 werden im Schlesischen Landesmuseum in Opava aufbewahrt, jedoch unzerschnitten und somit unbenutzt. Ein weiterer bekannter Kartensatz aus dem Jahr 1557 aus Prag gilt ebenfalls als verschollen.
Die Joachimsthaler Karten sind deshalb außergewöhnlich, weil sie bereits vor der eigentlichen Stadtgründung im Jahr 1516 benutzt wurden, also in der Zeit der beginnenden intensiven Bergbaukolonisation der Region. Darüber hinaus handelte es sich um zwei vollständige und offensichtlich gespielte Sätze, was ihnen den Charakter eines weltweiten Unikats verlieh.
Erwähnenswert sind auch anonyme Karten aus Cheb aus dem Jahr 1521, die sich in der Cary Collection der Bibliothek der Yale University befinden. Sie wurden gemeinsam mit einer Sammlung von Joachimsthaler Talern aufbewahrt. Dies deutet möglicherweise auf einen Zusammenhang mit Jáchymov hin, bleibt jedoch eine Hypothese. Diese Karten sind zudem nicht vollständig erhalten.
BESCHREIBUNG UND TYPOLOGISCHE EINORDNUNG
Spielkarten werden in Europa traditionell in vier Grundtypen unterteilt – den italienischen, spanischen, deutschen und französischen Typ –, die sich in der Symbolik der Farben und in ihrer künstlerischen Gestaltung unterscheiden. Die Joachimsthaler Karten gehörten zum deutschen Typ, genauer zum sogenannten Stukeley-Typ.
Charakteristisch für diesen Typ ist das Eichel-Ass mit der Darstellung eines Einhorns oder eines Löwen mit Band. Auf den Karten dieses Typs findet sich häufig auch das Motiv von gekreuztem Schlägel und Eisen, insbesondere auf der Herz-Zwei. Dieses Motiv verweist auf die montanen Entstehungsgebiete in Sachsen und wahrscheinlich auch in Böhmen.
Die Karten wurden im Holzschnittverfahren hergestellt. Die Vorderseite war weiß und das Bild wurde von Hand koloriert. Die Rückseite war ohne jegliche Verzierung und in einem grauen Ton gehalten. Ein Kartensatz bestand aus 52 einbildigen Karten, wobei das Ass die niedrigste Karte war. Der Kartenmacher sowie der genaue Herstellungsort sind unbekannt.
ENTDECKUNG UND VERBLEIB
Die Umstände der Entdeckung sind bemerkenswert. Die Karten lagen nicht lose vor, sondern waren sorgfältig verborgen oder dienten als Material bei einer Reparatur.
Zu Beginn der 1990er Jahre wurden wertvolle Bücher der Joachimsthaler Lateinischen Bibliothek in die Restaurierungswerkstatt des Kunstbuchbinders Jan Sobota in Loket gebracht. Nach ihrer Restaurierung wurden sie nach Jáchymov zurückgeführt und im Rathausgebäude aufbewahrt.
Durch einen Zufall kam es jedoch zu einem Wasserschaden: In dem Raum platzte eine Heizungsleitung, und beinahe dreißig Bücher standen buchstäblich im Wasser. Sie mussten erneut nach Loket transportiert werden. Bei der erneuten Restaurierung musste Jan Sobota bei mehreren Bänden neue Einbände anfertigen, die von den ursprünglichen nicht zu unterscheiden waren. Die alten, durch Wasser beschädigten Deckel durfte er zu Studienzwecken behalten.
Dabei entdeckte er in den Buchrücken und Deckeln eingeklebte Spielkarten. Sie waren dort vermutlich zu Beginn des 16. Jahrhunderts von einem Joachimsthaler Buchbinder eingefügt worden – möglicherweise als Verstärkungsmaterial, als gerade verfügbares günstiges Reparaturmaterial oder um sich der Karten zu entledigen.
Gegen Spielkarten wurde zu dieser Zeit seitens der Kirche heftig Stellung bezogen, da sie als moralisch verwerfliche „Teufelsbilder“ galten. Dies mag heute übertrieben erscheinen, doch nicht wenige Bergleute verspielten und vertranken ihren Lohn. In diesem Sinne war das kirchliche Vorgehen durchaus sozial motiviert.
GEGENWART
Jan Sobota dokumentierte die Karten sowie den Fundverlauf fotografisch, ließ sie restaurieren und übergab sie anschließend dem Rathaus in Jáchymov. In den folgenden Jahren verschwanden jedoch beide Kartensätze. Wem sie konkret übergeben wurden, ist nicht mehr feststellbar, da Jan Sobota inzwischen verstorben ist. Trotz wiederholter Nachforschungen konnten die Karten bislang nicht wieder aufgefunden werden.
DANK
Die grundlegende Forschungsarbeit zu den Joachimsthaler Karten leistete der Joachimsthaler Forscher Jaroslav Ochec, dessen Erkenntnisse die Hauptquelle für diesen Text bildeten.


