PATRIZIERHAUS NR. 72
Geschichte
Obwohl die Entstehung des Hauses gewöhnlich in die Jahre 1535–1540 datiert wird, ist sein Kern wahrscheinlich älter. Ursprünglich diente es als schlicksche Bergverwaltung, zugleich wurde es jedoch als Zehnthaus errichtet. Es erfüllte somit die Funktion eines Amtssitzes sowie der Wohnung des Zehnteneinnehmers. Es ist möglich, dass das Gebäude gleichzeitig Sitz zweier Ämter war, was auch der ursprünglichen zweitraktigen Disposition entsprechen würde.
Im Jahr 1538 kaufte die Stadt Jáchymov das Gebäude vom Patrizier Nikolaus Streudel und richtete hier das Dekanat ein.
Die letzte bedeutende Veränderung war der barocke Umbau nach dem Brand von 1782, den der königliche Zehnteneinnehmer Johann Miesl von Zeileisen durchführen ließ.
Beschreibung
Es handelt sich um ein zweigeschossiges Reihenhaus mit Hofanbauten. Das Hinterhaus ist durch einen Verbindungstrakt mit dem Hauptgebäude verbunden und bildet einen quadratischen Innenhof. Das Dach ist ein Satteldach mit Dachgauben. Die reich geschmückte barocke Fassade ist in Jáchymov einzigartig.
Die Straßenfassade mit sechs Fensterachsen ist vertikal durch Pilaster an den Seiten und in der Mitte gegliedert. Im Erdgeschoss sind sie rustiziert, im ersten Obergeschoss mit dorischen und im zweiten Obergeschoss mit korinthischen Kapitellen versehen. Zwischen den Geschossen verläuft ein profiliertes Gesims, das Dachgesims tritt kräftig hervor.
Über den Fenstern des ersten Obergeschosses befinden sich segmentbogig geschwungene Verdachungen mit reichem Pflanzenornament. In die Dekoration sind Maskarons, Rocaille-Elemente und eine Bergmannsbüste eingefügt. Im zweiten Obergeschoss erscheinen wiederum dekorierte Maskarons mit Rocaille-Motiven und pflanzlichen Ornamenten. Die Fenster sind von Stuckrahmungen eingefasst, darunter befinden sich rechteckige Stuckfelder.
Hinter dem ursprünglich renaissancezeitlichen Portal liegt eine Eingangshalle mit Tonnengewölbe. Von hier führt eine gerade Treppe mit ansteigendem Tonnengewölbe nach oben. Die obere Halle ist mit einem Tonnengewölbe mit Stichkappen versehen. In mehreren Räumen des Hinterhauses sind flache Decken mit Stuckspiegeln erhalten.
Portal und Gewände
Das renaissancezeitliche Nischenportal mit Sitzbänken ist ein klassisches Beispiel des lokalen Portaltyps mit erkennbarem Einfluss sächsischer Steinmetzen und entstand um 1540. Die flachen Nischen im abgeschrägten Gewände wachsen aus konsolartigen Sitzbänken und sind mit einem beerenförmigen Baldachin abgeschlossen. Die Archivolte ist mit Stäben und Kehlen verziert.
Die Ädikula besteht aus schlanken Säulen mit gerieftem Sockel. Ein reich profiliertes, gebrochenes Gesims trägt einen Aufsatz mit einer durchbrochenen Nische, in der sich ursprünglich eine Statue des heiligen Johannes von Nepomuk befand. Seitlich der Nische befinden sich Engelchen und Weinranken, an der Spitze eine Krone.
Aus derselben Zeit stammen auch die Fenstergewände mit Rücksprüngen und hohen Schlusssteinen mit Akanthusspiralen.


