STAATLICHE TABAKFABRIK
Wirtschaftliche Krise und Gründung
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts herrschte im gesamten Erzgebirge große Arbeitslosigkeit, verursacht durch den Rückgang des Bergbaus und die Schließung zahlreicher Gruben. In St. Joachimsthal war die Lage besonders kritisch. Die Stadtvertretung suchte daher nach Möglichkeiten, neue Arbeitsplätze zu schaffen. Bürgermeister Ignaz Porkert schlug die Errichtung einer Tabakfabrik vor. Innerhalb der Habsburgermonarchie existierte damals nur eine vergleichbare Fabrik in Sedletz bei Kuttenberg.
Die Stadt stellte ein Grundstück im Seitental, dem sogenannten Zeileisengrund, zur Verfügung. Dort befand sich zuvor eine Mennigefabrik, die auf der Stadtkarte von Dechant Böhm aus dem Jahr 1835 verzeichnet ist. Porkerts Initiative wurde zusätzlich durch eine Entscheidung der Wiener Regierung aus dem Jahr 1852 begünstigt, die mittels besonderer Unterstützungsmaßnahmen die Arbeitslosigkeit im Erzgebirge und im Riesengebirge bekämpfen wollte.
Die offizielle Eingabe zur Errichtung der Fabrik erfolgte am 7. Februar 1851 beim k. k. Bezirksamt. Die Genehmigung wurde am 6. April 1856 erteilt. Der Bau nach Plänen des örtlichen Baumeisters Franz Siegel mit einem U-förmigen Grundriss von 95 × 47 Metern wurde im Juli 1860 abgeschlossen. Am 3. November 1860 begann die Zigarrenproduktion.
Produktionsbeginn und Arbeitskräfte
Anfangs arbeiteten 30 Arbeiterinnen an den einzelnen Tischen. Bereits am 17. November 1860 wurden die ersten 1.500 Zigarren ausgeliefert. Viele Frauen der Stadt waren jedoch Heimarbeit gewohnt und zeigten zunächst wenig Interesse an der Fabrikarbeit. Erst 1863 erreichte die Stadt eine behördliche Anweisung zur Sicherstellung ausreichender Arbeitskräfte.
1867 wurde zusätzlich die Herstellung von Rauchtabak eingeführt. 1870 litt der Betrieb unter akutem Arbeitskräftemangel, sodass zwölf jugendliche Burschen eingestellt wurden, die für 20 Kreuzer täglich arbeiteten. Für sie wurde sogar eine Betriebsschule eingerichtet, die gemeinsam von Stadt und Staat finanziert wurde.
Ausbau und Modernisierung
Nach dem verheerenden Stadtbrand von 1873 wurden Fabrikangestellte und Beamte vorübergehend in den Produktionshallen untergebracht. 1882 begann die Zigarettenproduktion, wobei der Tabak aus der Fabrik in Laibach (Ljubljana) geliefert wurde. 1895 entstand ein Lagergebäude mit den Maßen 36 × 16 Meter.
Die Produktion erfolgte zunächst ausschließlich in Handarbeit. 1870 wurde ein Wasserturbinenantrieb installiert und zugleich eine Wasserleitung gebaut. 1899 folgte der Motorantrieb, 1903 die Einführung elektrischer Beleuchtung. Den Höchststand erreichte die Beschäftigtenzahl 1912 mit 1.174 Personen, davon rund 1.000 Frauen.
1927 wurde ein vierstöckiges Wohnhaus für Beamte angebaut. 1941 errichtete die Firma Vereinigte Sudetenländische Zigarrenfabriken „Deter, Halank, Müller“ KG eine eigene Kesselanlage und beantragte den Bau eines Lastenaufzuges.
Kriegsproduktion
1943 wurde die Tabakproduktion eingestellt. Das Areal übernahm die Firma Metallwarenfabrik St. Joachimsthal Deter KG, die am 1. Mai 1943 mit Rüstungsproduktion begann. Maschinen wurden aus bombardierungsgefährdeten Gebieten hierher verlegt. Für deren Betrieb wurde eine 22-kV-Leitung von der Grube „Sächsischer Adel“ gebaut. Da die Maschinen Wechselstrom benötigten, während das werkseigene Kraftwerk Gleichstrom lieferte, wurde eine Trafostation errichtet.
Nachkriegszeit
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Tabakproduktion nicht wieder aufgenommen; 1946 erfolgte die buchhalterische Liquidation. Das Areal diente als Sammelstelle für die ausgesiedelte deutsche Bevölkerung. Anschließend zog die Generaldirektion der Jáchymover Gruben ein.
In einem vierstöckigen Nebengebäude wurde ein zentraler Röhrenrechner der Marke Hollerith amerikanischer Herkunft installiert, der die Materialverwaltung der gesamten Jáchymover Bergwerke übernahm. Die Anlage samt Klimatisierung belegte das gesamte Gebäude. Im hinteren Bereich entstanden Garagen und zentrale Werkstätten zur Reparatur von Bergbautechnik.
Nach dem Ende des Uranbergbaus nutzte zunächst der Betrieb Tosta, n. p., Aš die Gebäude, später ein Werk des Unternehmens TESLA Karlín zur Herstellung von Telefonzentralen. Nach 1989 siedelten sich weitere Firmen an. In den letzten Jahren diente das Areal als Unterkunft für sozial Schwache; seit 1996 war hier auch ein Produktionsbetrieb VJB tätig.
Eisenbahnanschluss
Die Fabrik war durch ein Anschlussgleis mit dem Bahnhof und der Strecke nach Schlackenwerth (Ostrov) verbunden. In den Anfangsjahren war sie der wichtigste Frachtkunde, insbesondere für Kohletransporte. Der Geländeeinschnitt des Anschlussgleises ist hinter dem Kulturhaus bis heute sichtbar.
Abriss
Im Jahr 2024 wurde das Gebäude abgerissen, um einer Wohnbebauung Platz zu machen.
Fotogalerie: http://mipalfi.rajce.idnes.cz/Tabakova_tovarna/


