DIE URANFARBEN- UND RADIUMFABRIK
Einleitung
Praktisch seit dem Ausbruch des Silberfiebers stand in der Nähe des Zusammenflusses der Bäche Veseřice und Černý potok die Lintacker’sche Silberhütte, die bereits 1517 urkundlich belegt ist. Sie gehörte zu den größten Hütten Europas ihrer Zeit. Nach dem Niedergang des Silberbergbaus blieb sie als einzige von ursprünglich dreizehn Hütten erhalten und wurde 1550 vom Stadtrat erworben.
Neben Silber wurden hier auch Kobalt-, Nickel- und Wismuterze verhüttet, aus denen Kobaltschmelzen hergestellt wurden. Deshalb wurde 1780 in unmittelbarer Nachbarschaft die Püchner’sche Fabrik für Schmelzen und Kobaltfarben gegründet. Gleichzeitig wurde die Hütte modernisiert und in kaiserlich-königliche Silberhütte (k. k. Silberschmelzhütte) umbenannt. Aufgrund des Rückgangs des Bergbaus fehlte jedoch häufig das zu verhüttende Material.
Entdeckung des Urans und Gründung der Fabrik
Die Wende brachte die Entdeckung des Urans und die Erkenntnis, dass Uransalze intensive Farberscheinungen zeigen und sich hervorragend zum Färben von Glas und Keramik eignen. Die praktische Nutzung dieser Erkenntnis brachte erst das industrielle 19. Jahrhundert.
1847 entwickelte der tschechische Chemiker Adolf Patera, Professor an der Bergakademie in Příbram, eine Methode zur industriellen Herstellung von Uranfarben. 1852 übersiedelte er nach Jáchymov, und nach seinen Anforderungen wurde die ursprüngliche Hütte in den Jahren 1852–1854 grundlegend umgebaut und modernisiert. Die feierliche Eröffnung fand im Mai 1854 statt.
Im Oktober 1855 nahm die Uranfarbenfabrik (k. k. Urangelbfabrik, später k. k. Uranfabrik) ihren Betrieb auf. Jáchymov galt damals als das einzige Vorkommen, in dem das erforderliche Gestein in ausreichender Menge und geeigneter Qualität für die industrielle Verarbeitung vorhanden war.
Ausbau der Produktion
Die Massenproduktion führte auch zur systematischen Förderung des zuvor wenig geschätzten Pechblendes. 1865 wurden beispielsweise 600 kg Pechblende auf der alten Halde der Grube Kaiser Josef II. gefunden.
Zunächst wurde Uran-Gelb nach dem von Patera entwickelten Rezept hergestellt. Nach dessen Weggang 1857 übernahm der Chemiker Arnošt Vysoký die Leitung der Fabrik und erweiterte das Sortiment erheblich. Produziert wurden unter anderem Natron-Gelb (1858), Ammoniak-Gelb (1859), Uran-Schwarz (Protoxid) für Porzellanmanufakturen (1865) sowie Kalium-Gelb (1867). Später wurden weitere Verbindungen wie ein gelbgrünes Nitrat entdeckt.
Die Produkte aus Jáchymov übertrafen qualitativ die Weltkonkurrenz, was zahlreiche Auszeichnungen belegen: eine Goldmedaille auf der Industrieausstellung in München 1854, Ehrungen in Paris 1855 und 1867 sowie in London 1862. Anfangs wurde die Ware in Einheiten von einer Wiener Pfund (0,56 kg) verpackt, später standardmäßig in 0,5-kg-Packungen mit Siegel und Fabrikzeichen.
1871 wurde die Fabrik umfassend umgebaut. Das ursprüngliche Gebäude wurde um ein Stockwerk erhöht und erhielt eine zweigeschossige Gestalt mit pseudoromanischen Fenstern und hohen Schornsteinen. Die Produktion stieg erheblich an. Während 1853 lediglich 84,6 kg Farben hergestellt wurden, waren es 1886 bereits 12 776 kg. Bis 1898 wurden insgesamt 108 Tonnen Uranfarben produziert, der überwiegende Teil für den Export bestimmt.
Radium und Weltmonopol
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts geriet die Fabrik in eine Krise, als Uran-Glas aus der Mode kam. Der Hüttenverwalter Gustav Kroupa ordnete an, dass Produktionsabfälle nicht mehr in den Bach geworfen, sondern auf Halden gelagert werden sollten. Diese Entscheidung erwies sich als richtungsweisend.
1898 erhielten Pierre Curie und Marie Skłodowska-Curie aus Paris Abfallmaterial zu wissenschaftlichen Zwecken. In den Jahren 1898–1899 wurden 1135 kg Abfall kostenlos nach Paris geliefert, weitere fünf Tonnen 1902 und 5,5 Tonnen 1905. Aus der ersten Lieferung isolierte Marie Curie 120 mg Radium, aus späteren Sendungen weitere drei Gramm.
In den folgenden Jahrzehnten wurde Radium auch direkt in der Jáchymover Fabrik hergestellt, die dank des Zugangs zu den Rohstoffen faktisch ein Weltmonopol besaß.
Badebetrieb und spätere Nutzung
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts fand die Fabrik neue Aufgaben. 1908 wurden hier Badeanlagen für Radonbäder und Radiumbestrahlungen eingerichtet. 1911 entstand in unmittelbarer Nachbarschaft das erste Kurgebäude Jáchymovs (heute Agricola).
1927 wurde die Fabrik letztmals modernisiert und eine zweite Produktionslinie in Betrieb genommen. 1929 wurden 23,3 Tonnen Uranfarben und 3521 mg Radium ausgeliefert.
Ende
Nach der deutschen Besetzung des Grenzgebiets wurde die Produktion 1939 eingestellt. 1940 wurde das Gebäude nach 423 Jahren Bestehen abgerissen. Gründe waren unter anderem die Rauchentwicklung und Geruchsbelästigung sowie geplante Umgestaltungen des Kurareals.
Heute befindet sich an der Stelle der ehemaligen Fabrik ein Park, und auf dem Gelände der früheren Abraumhalden, aus denen Radium gewonnen wurde, ein Kinderspielplatz.


