ENTSTEHUNG UND ENTWICKLUNG DES KURWESENS
Einleitung
Die Entstehung der Joachimsthaler Kurbäder ist das Ergebnis einer einzigartigen Verbindung von Bergbau, Wissenschaft und Medizin. Von Anfang an war die Nutzung der Quellen ebenso wie ihre Auffindung eng mit dem Fortschritt der bergmännischen Arbeiten in den Gruben Svornost und Werner verbunden.
Bereits im Jahr 1864 überflutete Wasser aus einer Quelle, auf die die Bergleute beim Abteufen der Grube Svornost stießen, diesen Schacht bis zur sechsten Sohle. Auf dieser Ebene befindet sich der Erbstollen St. Daniel, durch den das Wasser frei in einen Bach abfloss. Zunächst wurden daher nur Quellen genutzt, die zufällig in der Grube Werner entdeckt worden waren.
Nach den Erzählungen alter Bergleute besaß das Grubenwasser bemerkenswerte heilende Wirkungen und linderte vor allem Schmerzen der Gelenke und Muskeln. Diese Erfahrungen waren bereits im 19. Jahrhundert bekannt, ihre Ursache blieb jedoch lange ungeklärt. Erst nach der Entdeckung der Radioaktivität am Ende des 19. Jahrhunderts vermuteten Wissenschaftler, dass die Wirkung des Wassers mit dem Vorhandensein radioaktiver Elemente zusammenhängen könnte.
Auf Grundlage dieser Erkenntnisse beantragte die Stadt in Wien die Genehmigung zur Einrichtung eines Heilbades. Daraufhin reisten die Ärzte Dr. Jindřich Mache und Dr. Štěpán Mayer nach Joachimsthal, um die Radioaktivität der Quellen sowie ihre medizinischen Wirkungen zu überprüfen. Auf Grundlage ihres Gutachtens forderte das k. k. Ackerbauministerium in Wien den Bezirksarzt von Joachimsthal, Dr. Leopold Gottlieb, auf, die Wirkung des Wassers aus der Grube Werner in seiner Praxis zu testen. Dabei arbeitete er eng mit dem Oberbergverwalter Ing. Josef Štěp zusammen, der die Idee der neuen Kurbäder aktiv unterstützte.
Im Jahr 1906 richtete Dr. Gottlieb im Haus des Bäckermeisters Josef Kühn am heutigen Náměstí Republiky Nr. 282 zwei Badezellen für radioaktive Bäder ein. Das Wasser aus der Grube Werner wurde zunächst vom ehemaligen Bergmann Josef Prennig, genannt Donnerkeil, in einer Trage auf dem Rücken herbeigeschafft. Aufgrund der nachweislich positiven Wirkung stieg das Interesse an den neuen Kurbädern rasch an, sodass Prennig das Wasser bereits 1907 mit einem Fuhrwerk transportierte. Da die vorhandenen Badezellen bald nicht mehr ausreichten, wurden weitere vier Kabinen im Gebäude der Uranfarbenfabrik eingerichtet.
Im Jahr 1908 wurde in Wien ein neues Ministerium für öffentliche Arbeiten gegründet, unter dessen Verwaltung auch die Joachimsthaler Bergwerke gestellt wurden. Mit der medizinischen Leitung der Kurbehandlungen wurde der Bergarzt Dr. Adolf Langhans betraut. Gleichzeitig beschloss das Ministerium den Bau einer Rohrleitung zur Förderung des radioaktiven Wassers für die Kurhäuser. Die Leitung wurde zwischen den Gruben Werner und Svornost verlegt und führte anschließend durch den Danielstollen bis in den unteren Teil der Stadt. Die Mündung dieses Stollens liegt heute unter der Oberfläche eines Kreisverkehrs. Die Arbeiten leitete Ing. Josef Štěp. Nach Abschluss der Bauarbeiten wurde eine Fotografie aller Beteiligten dieses bedeutenden Projekts aufgenommen. Die Rohrleitung hatte schließlich eine Länge von mehr als vier Kilometern. Auf der Grube Werner wurden außerdem Speicherbecken mit einem Fassungsvermögen von 625 und 1400 Hektolitern errichtet.
Im Jahr 1911 wurde nach einem Entwurf des Hofbaumeisters Zotter das erste reine Kurgebäude in Joachimsthal errichtet – die k. k. Kuranstalt zur Radiumbehandlung, das heutige Kurzentrum Agricola. Es handelte sich um die erste Kuranstalt dieser Art weltweit. In die Halle des Gebäudes wurden die sogenannten Štěp-Quellen aus der Grube Werner geleitet und für Trinkkuren genutzt. Neben Bädern wurden hier auch Radiumdämpfe inhaliert. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse zeigten zudem, dass Radium möglicherweise auch bei der Behandlung von Tumorerkrankungen und anderen bis dahin schwer behandelbaren Krankheiten eingesetzt werden konnte.
Der wachsende Zustrom von Gästen führte bald zum Bau eines großen Kurhotels. Eine Aktiengesellschaft unter der Leitung von Graf Sylva-Taroucca begann im Jahr 1910 nach Plänen von Baron Gustav von Flesch-Brunningen mit dem Bau eines neuen Hotels. Mit der Ausführung wurde der Wiener Baumeister Burian beauftragt. Das Gebäude entstand an der Stelle des ehemaligen Gasthofs Ameisenhügel. Die kleine Brücke der ehemaligen Kaiserstraße, die am Radium-Palast vorbeiführte, ist bis heute erhalten. Ein Bildstock aus dem Jahr 1731, der einst dort stand, befindet sich heute beim Gebäude des Stadtmuseums.
Das Hotel Radium-Palast wurde im Jahr 1912 eröffnet. Der Bau kostete dreizehn Millionen österreichische Kronen und war für seine Zeit außergewöhnlich modern ausgestattet. In jedem Zimmer gab es warmes und kaltes Wasser, ein Telefon sowie eine elektrische Vorrichtung zum Herbeirufen des Personals. Dadurch wurde das Hotel zu den zehn luxuriösesten Hotels Europas gezählt.
In den Jahren 1918 bis 1919 wurde ein Institut für Bestrahlung errichtet und seit 1924 standen die Kurbäder unter staatlicher Verwaltung. Umfangreiche Terrassen, das Waldcafé sowie Tennisplätze ließ erst im Jahr 1929 der Hotelier Urban errichten, der wesentlich dazu beitrug, dass die Joachimsthaler Kurbäder international bekannt wurden.
Joachimsthal wurde von zahlreichen bedeutenden Persönlichkeiten besucht. Zu ihnen gehörte auch Johann Wolfgang von Goethe, der sich für den hiesigen Bergbau und die Mineralogie interessierte. Weitere Besucher waren Alois Jirásek, Baron Rothschild, Richard Strauss, Max Švabinský oder Eduard Bass. Ein besonders bedeutender Gast war der erste Präsident der Tschechoslowakei Tomáš Garrigue Masaryk, der Joachimsthal insgesamt siebenmal besuchte und hier am 7. März 1930 seinen achtzigsten Geburtstag feierte. Auch sein Nachfolger Präsident Edvard Beneš hielt sich hier mehrfach auf, nämlich in den Jahren 1927, 1937 und 1947.
Während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg wurde der Radium-Palast zu einer Außenstelle eines Berliner Krankenhauses umfunktioniert und diente als Militärlazarett. Gleichzeitig wurde Joachimsthal zur Lazarettstadt der Wehrmacht erklärt.
Nach dem Ende des Krieges schien den Kurbädern eine neue Blüte bevorzustehen. In Joachimsthal wirkten bedeutende Ärzte wie MUDr. František Žďárský und Primar MUDr. Josef Slánský, die neue Behandlungsmethoden mit radonhaltigem Wasser entwickelten. Die weitere Entwicklung wurde jedoch durch den intensiven Uranbergbau stark eingeschränkt. Der Radium-Palast wurde in ein Erholungsheim der ROH umgewandelt und andere Kurgebäude dienten als Unterkünfte für Arbeiter der Joachimsthaler Bergwerke.
Erst in den 1960er Jahren begann die erneute Entwicklung des Kurwesens. Im Jahr 1963 erhielt Jáchymov den Status einer Kurstadt und am 1. Januar 1964 entstanden die Tschechoslowakischen Staatsbäder. Im Jahr 1975 wurde oberhalb der Kurzone das Sanatorium des Akademikers František Běhounek nach einem Entwurf des Architekten A. Tenzer errichtet. Gleichzeitig wurden auch andere Kurgebäude wie Union, Lužice, Blaník, Dášenka und Dalibor renoviert. Der Ausbau der Kurhäuser wurde 1992 mit der Eröffnung des Komplexsanatoriums Curie abgeschlossen.
Die Heilbäder Jáchymov verfügen heute über etwa 1100 Betten in einer Reihe von Gebäuden, darunter Radium-Palast, Curie, Běhounek, Astoria, Dalibor, Jitřenka, Elektra, Praha, Lužice und Dagmar. Jährlich absolvieren hier rund 16 000 Patienten aus der ganzen Welt eine Kurbehandlung.
Im Verlauf der medizinischen Entwicklung kam es zu einer deutlichen Veränderung der therapeutischen Ausrichtung. Während in den Anfangszeiten auch schwere Krankheiten wie Hauttuberkulose oder bestimmte Tumorerkrankungen behandelt wurden, wurden diese Patienten nach 1945 in spezialisierte Krankenhäuser verlegt. Die Joachimsthaler Kurbäder konzentrierten sich zunehmend auf die Behandlung von Erkrankungen des Bewegungsapparates.
Heute spezialisieren sich die Kurbäder Jáchymov vor allem auf Erkrankungen des Bewegungsapparates und auf Stoffwechselstörungen. Behandelt werden vor allem degenerative Erkrankungen der Gelenke und Knochen, Gelenkentzündungen, Morbus Bechterew, rheumatoide Arthritis sowie Zustände nach orthopädischen Operationen oder Operationen des peripheren Nervensystems. Darüber hinaus werden auch Erkrankungen des peripheren Nervensystems, bestimmte Gefäßerkrankungen und ausgewählte Stoffwechselstörungen behandelt.
Die Grundlage der Behandlung bildet radonhaltiges Wasser, das in der Grube Svornost aus drei Quellen gewonnen wird – Běhounek, Curie und C-1 (Curie, Evangelista, Becquerel). Der durchschnittliche Radongehalt der Badebecken beträgt etwa 5000 Bq pro Liter, wobei das Wasser lediglich durch ein Gegenstromsystem erwärmt wird.
Neben Radonbädern wird in streng indizierten Fällen auch die Brachyradiotherapie angewendet, bei der eine direkte Bestrahlung mit Radium aus sehr geringer Entfernung erfolgt. Bei größerer Entfernung spricht man von Telecurietherapie. Unterstützende Methoden sind beispielsweise Elektroakupunktur, Wärmeanwendungen, Mechanotherapie, Magnetotherapie, Massagen sowie Bewegungsübungen im Schwimmbecken oder in der Turnhalle.
Das bei der Brachyradiotherapie verwendete medizinische Gerät hat die Form einer doppelwandigen Tube, die in einem Applikationsgehäuse untergebracht und von Plexiglas umhüllt ist.


