DAS JOACHIMSTHALER RADONWASSER
ENTSTEHUNG DES RADONWASSERS
Den Reichtum von Jáchymov in Form radonhaltigen Wassers kannten und nutzten bereits mittelalterliche Bergleute. In den Schriften der Joachimsthaler Bergärzte finden sich Hinweise darauf, dass Bergleute bei schmerzhaften Erkrankungen in die überfluteten Teile der Gruben gingen, um dort zu baden. Sie beobachteten, dass das Wasser ihre Schmerzen zumindest teilweise linderte. Die eigentliche Bedeutung dieses Wassers blieb jedoch lange unerkannt und musste noch mehrere Jahrhunderte auf ihre wissenschaftliche Erklärung warten.
Das radonhaltige Wasser im Untergrund von Jáchymov entsteht durch eine Kombination klimatischer und geologischer Bedingungen. Regenwasser dringt in Spalten und Erzadern des Granitmassivs mit dolomitischen, karbonatischen oder quarzigen Ausfüllungen ein und gelangt allmählich bis in eine Tiefe von etwa einem Kilometer. Zu den bedeutenden Erzadern in diesem Gebiet gehören unter anderem Stella (Hvězda) und Evangelist. Beim Durchsickern durch dieses Adernsystem reichert sich das ursprünglich gewöhnliche Regenwasser mit Radon an – einem leichten radioaktiven Gas, das beim Zerfall von Radium in den umliegenden Gesteinen entsteht.
Das Alter des Wassers, in dem die Kurgäste heute baden, wird von Fachleuten der Karls-Universität auf etwa 30 bis 35 Tausend Jahre geschätzt. Das im Wasser enthaltene Radon-222 ist eine Quelle weicher ionisierender Alphastrahlung, die beim Zerfall von Radium und Uran entsteht. Dieses Gas wurde im Jahr 1900 vom deutschen Physiker Friedrich Dorn entdeckt, während die Bezeichnung Radon seit 1923 verwendet wird. Es handelt sich um ein farbloses, geschmack- und geruchloses Gas.
Das im Wasser enthaltene Radon dringt nur in sehr geringem Maße in den Blutkreislauf ein, und seine biologische Halbwertszeit im menschlichen Körper beträgt etwa zwanzig Minuten, was ungefähr der Dauer eines Kurbades entspricht. Die Kurgäste müssen daher keine Sorge haben, Radon im Körper zu behalten. Der Radongehalt im Badewasser wird streng kontrolliert und gilt als sicher. Vor Beginn der Behandlung absolvieren die Gäste deshalb eine klinische und biochemische Untersuchung.
ENTDECKUNG DER HEILWIRKUNG
Die erste Person, die nach überlieferten Berichten außerhalb der Bergwerke selbst Bäder im Wasser aus dem Joachimsthaler Untergrund nahm, war zu Beginn des 17. Jahrhunderts Kaiser Matthias II.
Nach der Entdeckung des Radiums im Jahr 1898 wurde Abfall aus der Fabrik zur Herstellung von Uranfarben verwendet, um Wasser künstlich zu radioaktivieren. Schon damals vermutete man, dass radiumhaltiges Wasser heilende Wirkungen besitzen könnte. Der Leiter der II. Medizinischen Klinik des Allgemeinen Krankenhauses in Wien, Hofrat Professor Eduard Neusser, bat daher die Bergverwaltung in Jáchymov um die Zusendung einer halben Tonne dieses Abfalls, um ihn für medizinische Forschungszwecke zu verwenden.
Am 7. Januar 1904 kamen die Physiker Stefan Meyer und Heinrich Mache aus Wien nach Jáchymov, um die Radioaktivität der örtlichen Wasser mit den Quellen anderer böhmischer Kurorte zu vergleichen. An der Ortsbrust der Erzader Schweizer auf der zweiten Sohle der Grube Werner entdeckten sie das damals radioaktivste Wasser der Welt mit einer Aktivität von etwa 2500 Bq pro Liter.
Der Bergverwalter Ing. Josef Štěp entdeckte jedoch bei seinen eigenen Untersuchungen auf der Danielsohle derselben Grube weitere Quellen mit einer Radioaktivität von etwa 7000 Bq pro Liter. Diese Quellen wurden später nach ihrem Entdecker als Štěp-Quellen bezeichnet. Das Wasser hatte eine Temperatur von etwa 10,5 °C und eine Schüttung von rund 13 Litern pro Minute. Bei späteren Erzabbauarbeiten nach 1945 oberhalb der Danielsohle gingen diese Quellen verloren.
Die Entdeckung der Štěp-Quellen erregte auch in Wien großes Interesse. Der Reichsminister Graf Buquoy lud daher Josef Štěp zu Gesprächen nach Wien ein. Auf seine Initiative wurden auch Vertreter der Stadt eingeladen, und bei dieser Gelegenheit wurde erstmals die Möglichkeit der Errichtung eines Kurortes in Jáchymov erörtert. Während Ing. Štěp seine Untersuchungen der Radioaktivität der Quellen im Untergrund fortsetzte, erforschte MUDr. Leopold Gottlieb die Wirkungen des Wassers an Patienten in den ersten Badeeinrichtungen.
QUELLEN UND IHRE NUTZUNG
Ursprünglich wurden für die Kurbehandlung die Štěp-Quellen aus der Grube Rovnost genutzt. Das Wasser wurde von dem ehemaligen Bergmann Josef Prennig in einer Trage auf dem Rücken zum Haus des Bäckermeisters Kühn gebracht. Später wurden diese Quellen in die Halle des Kurgebäudes – das heutige Kurzentrum Agricola – geleitet und für Trinkkuren genutzt.
Später wurde auch die Curie-Quelle in der Grube Svornost genutzt, die heute jedoch erschöpft ist. Diese Quelle war zugleich für die Überflutung der Grube Svornost verantwortlich, da die Bergleute beim Abteufen des Förderschachtes auf sie stießen. Der Boden des Schachtes liegt heute tiefer als die derzeit genutzten Sohlen des Bergwerks.
Heute nutzen die Heilbäder Jáchymov die Quellen Hildebrand (1926), Becquerel (1928), Prokop, Evangelista und HE-1 (1952) sowie die Quelle HG-1, die am 3. Mai 1952 in Běhounek umbenannt wurde. Die jüngste Quelle trägt den Namen Agricola und wurde im Jahr 2000 entdeckt.
Während die Quellen Curie, Hildebrand und Becquerel zufällig entdeckt wurden, wurden die übrigen gezielt durch Bohrungen gesucht. Die Bohranlage musste an der Oberfläche zerlegt, unter Tage transportiert und in einer ausgehauenen Kammer wieder zusammengesetzt werden.
TRANSPORT DES RADONWASSERS IN DIE KURHÄUSER
Täglich fließen aus der Grube Svornost etwa 550 Kubikmeter radonhaltigen Wassers in die Kurhäuser. Davon werden etwa 350 Kubikmeter für Heilbäder verwendet, während der Rest für den Betrieb von Wärmepumpen im Bergwerk Svornost genutzt wird. Unter Tage werden weiterhin neue Quellen gesucht, alte Grubenbaue untersucht und Reparaturen durchgeführt.
Das Radon-222 geht beim Transport vom Bergwerk zu den Kurhäusern nicht verloren, da das Wasser vom Ursprung bis zur Badewanne hermetisch in Rohrleitungen eingeschlossen ist. Der Radongehalt wird sowohl direkt an der Quelle als auch unmittelbar vor dem Bad gemessen. Die Kurbäder verfügen daher über ein eigenes dosimetrisches Labor.
Auf der zwölften Sohle der Grube Svornost befindet sich ein Speicherbecken, in das das Wasser aus den Bohrungen unter eigenem Druck durch Rohrleitungen einströmt. Von dort wird es etwa 390 Meter nach oben auf die Sohle Barbora gepumpt, wo sich ein weiteres Reservoir befindet. Von dort fließt das Wasser durch eine etwa 2880 Meter lange Leitung in der Curie-Strecke zum Mundloch der Curie-Strecke. Kurz vor deren Ausgang befindet sich ein weiteres Reservebecken, das teilweise über die Oberfläche hinausragt. Von hier aus wird das Wasser in die einzelnen Kurhäuser – Běhounek, Radium Palace, Agricola und Curie – gepumpt.


